Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 4 (1912)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1912)
- Date
- 1912-01-01
- Page
- Seite 13 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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o o o o Ar. Elsaß: Are Bibel im Fichte moderner Erkenntnis 13 lischen Erzähler war es nicht um eine wissenschaftliche Theorie, nicht um eine Darstellung aus der Geologie zu tun, das wäre eine vollständige Verkennung des Standpunktes, von welchem aus wir die biblischen Berichte und Darstellungen zu würdigen haben, — sondern seine religiöse Anschaung und Auffassung ist es, die auch in dem Weltbilde, welches er entwirft, nach Ausdruck ringt. Gott, der Schöpfer, der von Uranfang Himmel und Erde erschuf, der alle Wesen auf Erden ins Dasein gerufen, das ist der Gedanke, welcher dem Berichte der Bibel die weihe und Erhabenheit verleiht. — Gewiß hat der biblische Erzähler — was auch vor dem Auftreten des j)rof. Delitzsch bekannt war —, zu seinem Schöpfungs- und Sintflrstsberichte Elemente und Bausteine den Sagen und Mythen der alten Völker entnommen. Doch die Originalität und Hoheit der biblischen Darstellung ist nicht von der Auswahl des Stoffes bedingt, sondern ist in der! künstlerischen Gestaltung und in der Eigenart der Auffassung zu suchen. Gerade der Vergleich mit den babylonischen Schöpfung- und Sintflutssagen zeigt uns erst recht die Hoheit und Ueberlegenheit der Bibel, wie dies unbefangene Gelehrte im Gegensätze zu Delitzsch — wie Gunkel, Budde, König, Bezold — hervorgehoben haben. Denn die biblische Darstellung hat nicht nur die alten Mythen künstlerisch umgestaltet, sondern vor ihrer erhabenen Gottesauffassung ist der ganze Götterspuk und sind alle Ungeheuer der alten volkssagen zerronnen. Auch an den wunderberichten und Erzählungen der Bibel brauchen wir — trotz unser anders gearteten Erkenntnis — nicht den geringsten Anstoß zu nehmen. Sie sind nichts anderes als die Erzeugnisse der naiven Auffassung der alten Zeit, welcher die Gesetzmäßigkeit des Naturgeschehens unbekannt war. Jede ungewöhnliche Erscheinung, jedes unerwartete Ereignis, welches die Phantasie erregte, mußte unwillkürlich auf schlichte, naive Gemüter, welche ohne jede Kenntnis der Naturgesetze waren, wie ein Wunder wirken, in denen sie direkte Eingriffe, „Fingerzeige" Gottes sahen, wir können es anderseits verstehen, wie. die Volksüberlieferung die großen Persönlichkeiten der Vorzeit mit einem Kranze von dichterisch verklärten, weit über das Gewöhnliche hinaus ragenden Taten zu verherrlichen suchte, umsomehr, da man wirklich glaubte, daß Männer von hervorragender geistiger Größe über überirdische Kräfte verfügten, wodurch sie befähigt seien Wundertaten zu vollbringen, Wunder zu wirken. Diese Ueberlieferungen, die von Mund zu Munde gingen, wurden in vollem Glauben ausgenommen und gläubig ausgezeichnet. Nichts ist flacher und verständnisloser als jene Theorie einer seichten Aufklärung, wonach diese wunderberichte auf willkürlichen Täuschungen beruhten, oder bewußte, tendenziöse Fälschungen wären. Die meisten rationalistischen Erklärungen übersehen, daß die schöpferische Volksphantasie unbewußt und naiv die wirklichen Geschehnisse und die verehrten Gestalten mit dem Schleier des Wunderbaren umwoben. Trotzdem ist es bei aller wissenschaftlichen Objektivität nicht nötig, diese Wundererzählungen als historisch wertlos zu verwerfen, wenn wir das dichterische Beiwerk, die phantastische Hülle mit Aller Vorsicht entfernen, dann werden wir hinter dem Schleier den wirklichen Vorgang, hinter der Hülle den historischen Kern feststellen und erkennen können. Bei ruhiger, objektiver Ueberlegung werden wir es als der schlichten naiven Auffassung der alten Zeit angemessen ansehen, daß in den biblischen Darstellungen von vergangenen Tagen wundermären wiederkehren. Erstaunlich ist es, daß schon die Thora davor warnt, (5. B. M. 13, 2—7) auf Träume und Wunderzeichen wert zu legen, und diese