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Liberales Judentum · 1912-01-01 · Heft 1 (Januar 1912) · p. Seite 12

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Journal
Liberales Judentum
Volume
4 (1912)
Issue
Heft 1 (Januar 1912)
Date
1912-01-01
Page
Seite 12 (sequence 12)
Language
German
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12 Ar. Elsaß: Are Kibel im Lichte moderner Erkenntnis gerückt, das zu unterscheiden bleibt der nüchternen, ruhigen Prüfung überlassen, wenn wir uns auch von vornherein sagen werden, daß wir die Grenzen, wo Dichtung und Wahrheit zusammenfließen, schwer oder gar unmöglich feststellen können. Was psychologisch bewunderungswürdiger bleibt, als alle wunderberichte, mit denen man das Leben und Wirken dieses einzigartigen Mannes ausgeschmückt, was die N ü chternheit des israelitisches Volksgeistes kennzeichnet, ist die Tatsache, daß wie hoch auch im Volke die Verehrung vor dem großen Lehrer und Führer gewesen, man niemals daran dachte, Mose außerhalb des Bereichs des Menschlichen zu stellen, ihn zu einem Zdol der Anbetung zu erheben, oder auch nur, wie dies bei den Heroen der anderen Völker im Schwange war, — ihm einen übernatürlichen Ursprung und göttliche Herkunft anzudichten. Ebenso charakteristisch ist das, daß man nicht einmal das Grab bezeichnete, wo seine Gebeine ruhten, und daß im jüdischen Festeszyklus dem Geburts- und Todestag des großen Lehrers keinerlei Bedeutung beigelegt wurde. Sollte darum ein jüdischer „Drews" die Gestalt des Mose zu einer Mythe verflüchtigen wollen, so würde unser religiöses Empfinden, wie unser religiöses Leben, oder die Ausgestaltung unserer religiösen Einrichtungen davon kaum irgendwie berührt werden. Denn nicht in Mose, sondern in dem einzigen, lebendigen, ewigen Gott wurzelt unser Glaube und mündet unsere Religion ein. Wir würden auch unbeirrt weiter aus der Thora und aus der Bibel, als aus dem „Vuell lebendiger Wasser", lebensspendende religiöse Belehrung schöpfen. Denn würde etwa die Thora, die Lehre, in ihrer Bedeutung, in ihrem werte, in ihrer Hoheit irgendwie gemindert, wenn wir annehmen sollten, daß nicht Mose, oder nicht Mose I allein an dem Aufbau der Gesetzgebung gearbeitet? So wir die Thora als Niederschlag einer längeren Periode und verschiedener Zeitepochen betrachten, immer bleibt sie das hehre Dokument, in dem unzweifelhaft — das wird wohl keiner bestreiten können —, der Genius, der Geist, der im Volke Zsrael lebendig war, sich ausgeprägt und entsprechenden Ausdruck gefunden hat. Die Thora ist dann erst recht als „Erbteil der Gemeinde Jakobs" anzusprechen. Zn den Gesetzen und Anordnungen selbst haben wir die zeitlich bedingten von denen zu scheiden, die ewige Geltung beanspruchen können. * Zene Widersprüche zu beseitigen, welche zwischen der biblischen-Weltauffassung und unserer modernen Erkenntnis bestehen, ist für den ruhigen, objektiven Betrachter sehr einfach. wir dürfen nur nicht vergessen, daß die biblischen Urkunden vor etwa 3000 Zähren entstanden sind, zu einer Zeit, in welcher die technischen Hilfsmittel und Errungenschaften unserer Tage und die Ergebnisse der Naturforschung völlig unbekannt gewesen, wo die Menschen die Welt umher nur mit freiem Auge betrachteten, und daher das Weltbild nur nach den Eindrücken, die sie gewinnen, nach, ihrer Erkenntnis gestalten und entwerfen konnten. Es wäre geradezu töricht, vorauszusetzen, daß dem biblischen Erzähler schon das kopernikanische Weltsystem vertraut gewesen sein sollte, oder daß er bei der Darstellung der Weltschöpfung und der Schöpfung des Menschen Rant-Laplacesche Theorien oder die Selektionstheorie eines Darwin entwickeln sollte. Der Schöpfungsbericht der Bibel bleibt in seiner schlichten Größe ein Denkmal eines erhabenen Geistes der alten, vergangenen Zeit. Dabei muß eines besonders betont l und hervorgehoben werden. Dem bib-

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