Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 4 (1912)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1912)
- Date
- 1912-01-01
- Page
- Seite 11 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/3126481-3126500-3126502--1033-3127832- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
o o o o M. Elsaß: Me Kibrl im Fichte moderner Erkenntnis 11 die einzelnen Berichte ausgezeichnet und verfaßt worden. Die vom Talmud überlieferten Angaben bezüglich der Verfasser der biblischen Schriften (Baba bathra \5a) sind nur mehr Vermutrmgen, da die meisten biblischen Aufzeichnungen und Schriften lange Zeit ungenannt im Umlaufe waren. wo aus dem Inhalt selbst bestimmte Anhaltspunkte für den geschichtlichen Hintergrund sich nicht ergeben, muß sich auch heute die Wissenschaft begnügen, mehr oder minder begründete Hypothesen aufzustellen. Ueber die Abfassung und Entstehung einzelner Bücher, sind von den Gelehrten in der Tat weit auseinandergehende Meinungen und Auffassungen geäußert worden. Jedoch hat die Bibelwissenschaft — wenn auch einzelne Stellen und partieen nie voll aufgehellt werden dürften, da wir den geschichtlichen Hintergrund nicht kennen —, in großen Zügen den geschichtlichen Zusammenhang und den lebendigen Pragmatismus der biblischen Urkunden klargelegt, und die kritische Forschung hat uns an der Hand der erhaltenen Schriften, das Verständnis für die weit, weit zurückliegenden Zeiten erschlossen. Aus der Fülle der Fragen, welche die gelehrte Forschung aufgeworfen will ich nur eine, die für uns wohl eine der bedeutsamsten sein dürfte, herausgreifen, wie weit ist die Gesetzgebung der Thora als das Werk des Mose zu betrachten, und ist Mose, wie die Ueberlieferung lehrt, der Verfasser der fünf Bücher der Thora? Vielleicht wird manchem heutzutage analog dem Zweifel, welcher in Bezug auf die historische Wirklichkeit des Stifters des Christentums aufgetaucht ist, die Frage sich aufgedrängt haben: Hat Mose überhaupt gelebt, und ist seine Persönlichkeit historisch unanfechtbar festzuftellen? Darauf ist zu erwidern: Historische Berichte und Ueberlieferungen können überhaupt nicht auf apodiktische Gewißheit Anspruch erheben und als unanfechtbar gelten, da selbst Zeugnisse von Zeitgenossen und Angaben über Erlebnisse bei eingehender Untersuchung sich öfter als unzuverlässig erweisen, wenn nicht mehrere gleichzeitige Zeugnisse von Zeitgenossen vorliegen, müssen wir, den wert der Ueberlieferung nach der größeren und geringeren Wahrscheinlichkeit abschätzen. Gewiß kann die Frage der Historizität des Mannes Mose gestellt und aufgeworfen werden. Jedoch werden wir unbefangenerweise uns sagen müssen, daß doch die Schriften der Thora auf den einen oder ander e n V e r f a s s e r zurückzuführen sind, und auch die Gesetze und Vorschriften historischen, lebendigen Personen ihren Ursprung verdanken. Nehmen wir hinzu, daß die großen Wandlungen "der Geschichte, daß die großen, schöpferischen Ideen nicht ein Erzeugnis der gedankenlosen Massen sind, sondern von bedeutenden, genialen Persönlichkeiten ausgehen, dann werden wir wohl annehmen müssen, daß auch hinter den Ereignissen am Eingang der Geschichte Israels eine gewaltig überragende Gestalt geständen hat. So wird für uns wohl für immer das Entstehen und Werden, die Befreiung Israels mit dem Namen Moses verknüpft -sein. Lr hat der Volksgemeinschaft Israels das Gepräge seines Geistes aufgedrückt; die Erinnerung an seine schöpferische Größe und sittliche Hoheit hat den tiefsten Einfluß auf das Volksgemüt ausgeübt. Als große geniale Persönlichkeit, die des Volkes Einheit begründet, die Israel zur Freiheit geführt und die grundlegende Verfassung feierlich proklamierte, wuchs die Gestalt des Mose zum Träger der größten, einzigartigen religiösen Offenbarung empor, in dem sicherlich der Genius Israels in seinem tiefsten Wesen sich enthüllte. > wie weit die Berichte die Wirklichkeit und geschichtliche Tatsachen wiedergeben, wie weit die Verehrung der späten Nachwelt die Geschehnisse ins Reich des wunderbaren