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Liberales Judentum · 1912-01-01 · Heft 1 (Januar 1912) · p. Seite 10

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Journal
Liberales Judentum
Volume
4 (1912)
Issue
Heft 1 (Januar 1912)
Date
1912-01-01
Page
Seite 10 (sequence 10)
Language
German
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10 Nr. Elsaß: Die Kibel im Fichte moderner Erkenntnis o o die ältesten schriftlichen Aufzeichnungen, Denkmäler und Quellen, auf welche die biblischen Ueberlieferungen zurückgehen, dürften etwa bis auf das 15. Jahrhundert v. u. Z. zurückzudatieren sein, während die jüngst e n Erzeugnisse, welche im Kanon der heiligen Schriften Aufnahme gefunden, sicherlich erst um die Zeit der Makkabäerkämpfe, gegen 160 v. u. Z. geschrieben wurden. Die endgültige Redaktion des Kanons, d. h. jenes Schrifttums, welches für das religiöse Leben als maßgebende Richtschnur dienen sollte, ist noch zwei bis drei Jahrhunderte später anzusetzen. Bezüglich einiger Hagiographen berichtet uns die Mischna (Edujoth 5, 3, Iadaim 3, 5), daß die Meinungen der weisen auseinandergingen, ob sie als heilig gelten sollten oder nicht. — vergegenwärtigen wir uns die Bedeutung der Tatsache, daß aus einem so ungeheuren Zeiträume von über ein Jahrtausend nur diese kleine Bibliothek von Büchern, welche im Drucke oft in einem einzigen Bande erscheinen, und keine anderen schriftlichen Aufzeichnungen auf uns gekommen sind! Natürlich sind sie nur Bruchstücke oder Reste einer viel größeren und umfassenderen geistigen Produktion; denn zweifellos sind in der betreffenden Zeitperiode viel, viel inehr Literaturerzeugnisse und schriftliche Aufzeichnungen in Israels Mitte erstanden, die verloren gegangen sind. Die Namen einiger nicht erhaltener Werke und Sammlungen, aus denen die Bibel Zitate anführt, wie das Buch Iaschar (Jos. H, 13, Sam. I. 1, 18) und das Buch der „Kriege des Ewigen" (H. B. M. 21, VI) sind uns bekannt. — Das Buch ber Könige I. 5, 12 erwähnt, daß Salomo dreitausend Sprüche und tausend und fünf Lieder gedichtet hätte. Nicht zuletzt sei gedacht der Aufzeichnungen der Lsofchronisten der Könige von Israel und Juda, welche von den Verfassern der Bücher der Könige wohl als Quellen benützt wurden. Wie gering auch der Umfang der biblischen Literatur ist, die auf uns gekommen, wir können der Vorsehung nicht genug danken, daß diese Dokumente vor dem Untergang bewahrt und gerettet worden. Sie bilden Schätze von unvergänglichem werte, da sie uns nicht nur einen Einblick in das geistige Leben und Streben unserer Ahnen ermöglichen- und die Geschichte und Entwicklung eines ganzen Jahrtausends beleuchten, sondern uns jene großen, sozialen, sittlichen und religiösen Impulse gaben, die schöpferisch und bahnbrechend für die Kultur und Gesittung aller Völker und aller Zeiten sich erweisen. . Wenn wir nun in diese alten, heiligen Dokumente uns vertiefen und ihren Inhalt prüfen wollen, so dürfen wir nicht vergessen, daß sie wie alle anderen literarischen Erzeugnisse den Bedingungen irdischen Schaffens unterworfen sind. Um sie recht zu verstehen und zu würdigen, müssen wir die Zeiten und Verhältnisse ins Auge fassen, unter denen sie entstanden sind. Vonvornherein dürfte es klar sein, daß im Laufe eines Jahrtausends die Entwicklung nicht stille gestanden hat, und daß die größten Wandlungen im Denken des israelitischen Volkes sich vollzogen haben, wir werden uns daher nicht wundern/ daß wir bei tieferem Eindringen in der Bibel auf verschiedenartige Strömungen stoßen, und Anschauungen und Vorstellungen begegnen, die nicht übereinstimmen, weil die Verfasser fernabliegenden Zeiten angehörten. Aber gerade daß verschiedene und verschiedenartige Schriften in der Bibel vereint sind, ermöglicht es uns, den Gesamtgeist Israels in seinen Ausstrahlungen, die eigenartige Begabung und Veranlagung unserer Vorfahren umso besser verstehen und würdigen zu können. Die gelehrte Forschung hat eingehende Untersuchungen angestellt, aus welcher Zeit diese oder jene Schrift, dieses oder jenes Lied, diese oder jene Rede stamme, von wem

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