Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 4 (1912)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1912)
- Date
- 1912-01-01
- Page
- Seite 7 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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o o Ar. Frendenthal: Unsere Stellung;n den Nabbinervrrsammlungrn 7 Hänger, sie schützen ihn vor Versumpfung und Erstarrung und säen frische Körner, die einmal aufgehen werden. Solche Erfolge hatten auch die damaligen öffentlichen Rabbinerversammlungen und Synoden. Sic lassen sich freilich nicht statistisch wägen und nicht aus staatsarchivalischen Aktenstücken dokumentieren; aber gerade der Historiker darf solche innere, latente Zustände, aus denen spätere Zeiten geboren werden, nicht übersehen, darf nicht, wie Grätz und Philippson es getan haben, sich damit begnügen, zu konstatieren, daß auffällige geschichtliche Erscheinungen keine merkliche Wellenbewegung erzeugt oder nicht einmal anregend gewirkt haben. Sie haben Wellenbewegungen erzeugt, die bis auf unsere Tage fortdauern, und sie Hab en .anregend gewirkt, denn wir selber unterstehen ihren Anregungen und Wirkungen schon darum, weil die damals erörterten Probleme sich wenig geändert haben und uns noch ebenso stark beschäftigen, wie die Rabbiner und Serien .Jener Tage. Aus dieser Tatsache allgemeinen und fortdauernden Interesses ergibt sich übrigens schon, wie unhaltbar auch die Behauptung von Grätz ist, daß die Rabbinerversammlungen von Braunschweig und Frankfurt ganz unter dem Einfluß und Geist Samuel Hold Heims und der in der Zwischenzeit begründeten Berliner Reform-Gemeinde gestatten hätten. Holdheims Bild hat Grätz ganz und gar verzeichnet und zwar, wie er selber gleichsam entschuldigend gesteht, als Rückwirkung der zu glorifizierend ausgefallenen Biographie durch Ritter. Aber es ist auch andererseits bezeichnend, daß er Michael Sachs bis in den Fimmel hebt, dessen einst so inaßlos bewunderte Poesien UiId predigten unserem heutigen Geschmack — schon nach so kurzer Zeit — in keiner Weise mehr entsprechen. Das alles' ist begreiflich. Denn der Einfluß einer starken Persönlichkeit wird allemal das Urteil dessen subjektiv beeinflussen, der ihr selber lebendig unterstanden hat oder noch untersteht; aber eben darum wird immer erst eine spätere Zeit, die frei von solchem Subjektivismus nur das .Objekt untersucht, das wirkliche Werturteil sprechen können. Deshalb ziemt es sich für uns, als Männer der Wissenschaft wie der praktischen Theologie, uns von allen einseitigen und subjektiven Beurteilungen des neunzehnten Jahrhunderts, die noch aus ihm selbst herrühren, freizumachen und demgemäß auch jene religiösen Versammlungen objektiver, als es bisher geschehen ist, zu bewerten. Ja noch mehr, es ist unsere Aufgabe, unter bewußter Anlehnung an sie die damals behandelten Probleme, die auch die unsrigen sind, nochmals aufzunehmen, wissenschaftlich durchzuxrüfen und uns zu dem Ergebnis dieser Prüfung, mag es wie auch immer ausfallen, nach dem Vorbild jener Männer ohne jede Scheu theoretisch und praktisch zu bekennen. Dies erscheint mir neben der erstbezeichneten Aufgabe der Schaffung von liberalen Richtlinien als ein zweites wichtiges und unerläßliches Gebot für eine ersprießliche religiös-liberale Tätigkeit, wie wir sie von unserem liberalen Verbände erhoffen und ersehnen. Was endlich die S y n o d e n anlangt, so hat Martin Philippson sie und die ihnen vorausgehenden, vorbereitenden Rabbinerversammlungen zu Frankfurt a. M. (s865) und zu Tassel (s868) zum erstenmal in den Rahmen der allgemeinen Geschichte des Judentums eingesxannt, freilich auch da mit nicht immer zutreffender Beurteilung. So beschließt er bei dieser Gelegenheit das gesamte Kapitel der Rabbinerversammlungen mit der Behauptung, diese seien als gesetzgebende Faktoren aus dem Kreise der das Judentum in seiner Entwicklung bestimmenden Momente endgiltig ausgeschieden. Ein Historiker ist kein Prophet; seine Aufgabe ist, die Vergangenheit