Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 4 (1912)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1912)
- Date
- 1912-01-01
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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6 Ar. Freudrnthal: Unsere Stellung zn den Nndllrnernersaurmtungen schaftlich und praktisch leitendes Prinzip vereinigt hatte, wäre wirklich! über ein solches keine Einigung möglich gewesen? Wir sehen ja heute bereits, daß der wissenschaftliche Standpunkt eines Geiger, eines Frankel, eines Philippson doch nicht gar so gegensätzlich und auseinanderstrebend war; sie wollten doch zuletzt alle nichts anderes als die geschichtliche Entwicklung des Judentums, weil sie alle von der Anerkennung des Grundsatzes geschichtlicher Entwicklungen auch im religiösen Leben der Völker erfüllt und durchdrungen waren, von solcher gemeinsamen Basis aus hätte man sich auch über praktische Prinzipien verständigen können, während der praktische Liberalismus nunmehr infolge des Schismas von der einen Seite eine viel radikalere Ausgestaltung, von der anderen wieder eine viel schärfere Abweisung erfuhr, als es sich mit dem wirklichen wissenschaftlichen Standpunkt hier und dort vertrug. An dem damals zu Tage getretenen Mangel einer einheitlichen Prinzipienfeststellung leidet der Liberalismus im Judentum auch heute noch und leidet nicht am wenigsten unser liberaler Rabbinerverband, was im vorigen Jahrhundert nur sporadisch und unter besonderen Anstrengungen möglich war, die Vereinigung der auf dem Boden geschichtlicher Entwickelung stehenden Rabbiner zur 'Erörterung ihres wissenschaftlichen Standpunkts und seiner praktischen Folgerungen, das will die feste Organisation unseres Verbandes zu einer dauernden, regelmäßigen und zusammenhängenden Gestaltung führen. Darum haben wir, die Mitglieder desselben, gewiß die unbedingte ^Pflicht, diejenigen programmatischen Richtlinien festzulegen, an deren fjanfc eine so geartete gemeinsame Arbeit der verschiedenen liberalen Richtungen erft möglich ist und erst fruchtbringend werden kann. Das müssen wir um der liberalen Sache, wie auch um unserer persönlichen Stellung willen durchzuführen suchen: um jener willen, weil das Judentum ein Anrecht darauf hat, endlich einmal zu erfahren, was eigentlich jüdischer Liberalismus programmatisch bedeuten will, und um unsertwillen, weil ebenso jeder liberale Theologe, sowohl der als wüster Radikaler verschrieene, als auch der als falscher Liberaler angeklagte, das Anrecht haben muß, sich auf ein allgemeingültiges Programm berufen und erklären zu dürfen: Ich stehe auf dem Boden dieses Programms, gleichviel ob ich bei seiner praktischen Durchführung in Einzelheiten weiter vorwärts gehe oder weiter zurückbleibe. Bildet der Mangel prinzipieller Richtlinien in der Tat einen Fehler der religiösen Versammlungen des neunzehnten Jahrhunderts, so besteht doch aller Grund, in vielen anderen Punkten voll Dankbarkeit und Anerkennung auf sie zurückzuschauen, vor allem wird der offene und ehrliche Mut, mit den: die Teilnehmer ohne Rücksicht auf die allmächtige staatliche und kirchliche Reaktion ihrer Ueberzeugung von der Notwendigkeit eines freiheitlichen Ausbaus des Judentums Ausdruck verliehen, jedem liberalen Rabbiner zu jeder Zeit ein aneiferndes und musterhaftes Vorbild sein. Dieses Beispiel hat aber auch zu seiner Zeit schon die Kerzen angeregt und die Geister gestärkt. Um das zu begreifen, braucht man nur an ähnliche Vorgänge im heutigen Protestantismus zu denken. Die mutigen und offenen Aussprachen, Et denen sich protestantische Geistliche und Laien fedesmal gegen einen Vorstoß der Reaktion stemmen, werden gewiß keinen augenblicklichen praktischen Erfolg erzielen und die Macht der Gegner zunächst nicht zurückdämmen. Aber ungeheuer ist ihr ideeller Erfolg für jetzt und späterhin. Sie erhalten den Liberalismus und gewinnen ihm neue Kräfte und neue An-