Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 4 (1912)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1912)
- Date
- 1912-01-01
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Ar. FreudenthaL: Unsere Stellung zu Len RadlrinerversumMlungen 5 ausgesprochen; die späteren Zusammenkünfte behandelt er nicht, da seine Darstellung um jene Zeit abschließt. Viele unter uns hatten das Glück, Grätz noch persönlich zu kennen und sich seiner warmen und starken Freundschaft und Zuneigung erfreuen zu dürfen; aber gerade wir, die wir dieser unvergeßlichen Erinnerungen uns rühmen können, wissen auch am allerbesten, daß seine Kraft zu lieben und zu hassen gleich impulsiv war und darum auf den letzten Band seiner Geschichte alles weniger als günstig eingewirkt hat. Die Bilder der dort behandelten Persönlichkeiten aus seiner eigenen Zeit sind allesamt nach seinem persönlichen Empfinden retouchiert, und ein künftiger jüdischer Historiker des zwanzigsten Iahrhnnderts wird Arbeit genug vorfinden, diese Retouche zu entferne:: und Licht und Schatten gleichmäßig und naturgetreu zu verteilen. Noch abfälliger freilich als Grätz, dessen Methode der geschichtlichen Forschung und Darstellung er sonst sehr schroff abzulehnen pflegt, urteilt Martin Hhilipxson in seiner neuesten Geschichte des jüdischen Volkes über die Rabbinerversammlungen und Synoden jener Tage. Er spricht nicht bloß von ihrer Fruchtlosigkeit, sondern sogar von ihrer Schädlichkeit; er behauptet, daß sie nicht allein ohne positive praktische Folgen geblieben seien, sondern noch nicht einmal anregend gewirkt hätten; er ironisiert, daß ihre Beschlüsse ganz unbeachtet blieben und lediglich auf die Unvereinbarkeit der Anschauungen im deutschen Judentum ein unerbittliches Licht warfen. Und er läßt sie endlich darum begraben sein, weil sein Vater Ludwig Hhilippson als ihr eigentlicher Urheber ihre Irrtümer erkannt und sie habe fallen lassen. Ich habe bereits gelegentlich der Besprechung des Hhilippsonschen, sonst vielfach so verdienstlichen Werkes in der „Monatsschrift - für Geschichte und Wissenschaft des Judentums" darauf hingewiesen, daß diese Urteile, die von der Stellungnahme des Vaters zu jenen Erscheinungen unwillkürlich beeinflußt sind, nicht zutreffen; die damaligen Religionszusammenkünfte nur deswegen zu verurteilen, weil sie ohne Augenblickserfolge blieben, würde ebenso verkehrt sein, als die Propheten nur nach ihren Augenblickserfolgen zu messen. Wir liberalen Theologen müssen jedoch solche Anschauungen — noch dazu von liberaler Seite — nicht bloß um der geschichtlichen Wahrheit willen abweisen, sondern auch darum, weil sie einen unserer Lebensnerven aufs empfindlichste treffen und unterbinden würden. Denn zuletzt ruht unsere liberale Welt- und Religionsauffassung auf den Grundlagen jenes neunzehnten Jahrhunderts und auf den Bestrebungen der an seinen markanten Erscheinungen beteiligten Theologen, und wir heute fühlen uns zumeist als die Fortsetzer ihrer Gedanken und Absichten. Von dieser Zugehörigkeit nehme ich auch die Anhänger und Nachfolger des Mannes nicht ans, dessen Austritt aus jenen Versammlungen an ihrem erfolglosen Verlauf mit die Schuld trug, nämlich Zacharias Frankel und die Breslauer Schule. Die Entscheidung darüber, ob dieser eklatante 2lustritt wirklich so unbedingt notwendig war, gehört gleichfalls zu den erst noch zu klärenden Problemen unserer Geschichte. Das eine steht schon heute fest, daß er weit über seine vorgebliche Notwendigkeit hinaus schädigend auf die religiöse Weiterentwicklung des Judentums in Deutschland eingewirkt hat, wenn auch zugestanden werden muß, daß die Hauptforderung Frankels, sein Verlangen nach der 2lufstellung von grundlegenden Prinzipien für diese Weiterentwicklung, entschieden berechtigt war. Denn das erscheint in der Tat als einer der Hauptfehler jener Versammlungen, daß jedesmal zahlreiche Einzelheiten behandelt wurden, ohne daß man sich vorher auf ein wissen-