Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 4 (1912)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1912)
- Date
- 1912-01-01
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
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4 Ar. FrrudrnthaiUnsere Stellung m den Rnddinernersammlungen das Judentum müssen wir reformieren. Uns müssen wir wieder zu religiösen Bedürfnissen erziehen, uns müssen wir zu jener positiven religiösen Betätigung aufraffen, die uns über den Staub des Alltags erhebt und unserem Leben Reichtum und Schönheit gibt. Aber auch das Judentum müssen wir reformieren. Das Geschichtliche muß einen Teil seines allzuweit ausgedehnten Gebietes an das persönlich Religiöse abtreten. Für unsere Lebensverhältnisse, für unsere Bedürfnisse, für unsere Sorgen, für unsere Fragen, für unsere Kämpfe, für unsere Ueberzeugungen, für unsere Stimmungen müssen wir die überkommenen Formen und Institutionen, Gebräuche und Gebete — bei aller Pietät gegen die Vergangenheit — umbilden, fortentwickeln, damit wir, gleich unseren Vätern, von den, unserem religiösen Verlangen angepaßten Formen und Gebeten erweckt, erbaut, ergriffen werden. Nicht darf das einmal geschriebene Wort uns für alle Ewigkeit binden, nicht darf der Buchstabe über uns herrschen. weil wir neues Lebe n wollen, darf uns das Tote nicht hemmen und fesseln! weil wir das junge Geschlecht der Gegenwart für die Religion unserer Väter neu gewinnen wollen, weil wir wollen, daß uns die Religion eine Lebensmacht sei, ein Antrieb zu allem Guten und wahren, eine Weltanschauung und eine Lebensführung, darum müssen wir die Religion jung und gegenwärtig, gewinnend und anziehend gestalten und den unseligen Zwiespalt unserer jüdischen .Gegenwart, wenigstens in unseren Reihen, und wills Gott, bald im gesamten Judentum aus der Welt schaffen, den Zwiespalt zwischen „religiös" und „jüdisch". Unsere Stellung zu den Kabbinerverlammlungen und Synoden des neunzehnten Jahrhunderts, von Dr. Max freudenfhai. it unserem so hochverehrten Vorsitzenden H e i n e m a n n V o g e l st e i n*) ist der letzte der Theologen hingegangen, die noch persönlich an einer jener öffentlichen Religionszusammenkünfte teilgenommen hatten, welche in Form von Rabbi nerversam ml u n g e n und Synoden der jüdischen Geschichte des abgelaufenen Jahrhunderts in Deutschland ein so eigenartiges Gepräge verleihen. Vogelstein war bei der allerletzten Zusanunenkunft, nämlich der Synode in Augsburg (87(, anwesend und hat dort bereits als junger Rabbiner seinen liberalen Standpunkt mit ebensolcher Offenheit *) Obige Abhandlung ist einem Vortrage entnommen, der am 6. November 1911 in der ersten nach dem Tode Vogelsteins abgehaltenen Versammlung der liberalen Rabbiner Deutschlands zu Berlin gehalten wurde. und Selbstverständlichkeit vertreten, wie wir alle es von ihm seitdem so oft erfahren haben. Die Augsburger Synode trug freilich auch äußerlich schon den Stempel der scheinbaren Erfolglosigkeit jener Idee öffentlicher Religionszusammenkünfte an sich. Sie war schlecht besucht, obwohl die Hauptschuld daran wohl die unruhige Kriegszeit getragen haben mag. Allein es ist in wissenschaftlichen und erst recht in nichtwissenschaftlichen Kreisen üblich, auch die früheren, gut und besser besuchten Rabbinerversammlungen, sowie die erste Synode in Leipzig 1(869 als völlig verfehlte und erfolglose Unternehmungen zu kennzeichnen. Schon Gr ätz hat im elften Bande seiner Geschichte der Juden sich über die Rabbinerversammlnngen in Braunschweig ((844) und Frankfurt a. W. ((845) recht abfällig