Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 4 (1912)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1912)
- Date
- 1912-01-01
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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0 o o o Av. Seligwann: Zum neuen Jahrgang 3 Alle Verehrung vor der frommen Väter weise. Menschen wie Völker schöpfen ihre tiefste Kraft aus der Ehrfurcht vor der Vergangenheit, die vielleicht die adeligste Eigenschaft der menschlichen Natur darstellt.. Nicht oft genug können wir es uns in das Gedächtnis zurückrufen: wir sind die Resultate früherer Geschlechter. Aus uns selbst sind wir fast nichts, leere Gefäße, die einen Inhalt erst gewinnen, indem sie aus dem Reichtum früherer Zeiten schöpfen, was wir sind, sind wir durch die Geschichte. Und zumal, was wir Juden sind. Denn die Religion ist unser Lebenselement, unsere einzige Lebensberechtigung. Und auf religiösem Gebiete gab es nur eine große originale Zeit voll genialer Schöpsergröße, die Zeit der Bibel. Aber liegt nicht in dieser Tatsache gerade eine verborgene Gefahr für alle kommenden Geschlechter? wir leiden, schon von der Zeit der Talmudlehrer an, an unserer zu großen Vergangenheit. Das allzureiche Erbe unserer Väter inacht uns religiös unmündig. Das ist ein Grundgesetz der menschlichen Natur, daß sie allemal in sich verarmt, wenn sie nur zehrt von den Schätzen der Vorfahren. Selbst erworben haben, nicht nur ererbt haben dürfen wir die Religion, Aus uns muß die Religion gewachsen sein, nicht aber dürfen wir in dieselbe nur hineinwachsen. Fromm fein heißt, eigene Religion, nicht nur die Religion der Väter haben. Ein einziges Körnlein eigene Frömmigkeit wiegt mehr, als die Aneignung der gesamten Frömmigkeit der Vergangenheit. Religion ist nicht dasselbe wie Verehrung ^der Vergangenheit, Frömmigkeit nicht dasselbe wie jAetät. Heute ist bei uns Juden die religiöse Weltanschauung des Einzelnen, seine persönliche Religion, ein Ding für sich und historische Religion mit ihren überlieferten Formen und geschichtlich geprägten Institutionen ein Ding für sich. Die persönliche Frömmigkeit hat vielfach mit dem offiziellen Judentum und das offizielle Judentum mit der persönlichen Frömmigkeit nichts zu tun. So haben wir unseren Finger in die Wunde der Zeit gelegt; aber nicht um wehe zu tun, sondern um zu zeigen, daß ini inneren Leben des Judentums nicht alles in .Ordnung ist, daß hinter der tatkräftigen Vielgeschäftigkeit der Jüdischen Gegenwart, hinter dem mächtigen willen zum Judentum, hinter der Erstarkung der Orthodoxie eine religiöse Leere gähnt. woher soll Heilung kommen? Hier ist es, wo das liberale Judentum mit dem Einspruch, die Wunde der Zeit zu heilen, als neuer Faktor in die Jüdische Gegenwart Antritt. Gegenüber all den Verdunkelungen und Entstellungen, die sich an das liberale Judentum heranwagen, gegenüber der Unklarheit, die vielfach selbst im eigenen Lager herrscht, ist es notwendig, auf diese geschichtliche Bedeutung, auf diese tiefste treibende Kraft des liberalen Judentums immer wieder hinzuweisen. Das liberale Judentum ist die einzige jüdische Organisation unserer Zeit, die die religiösen Interessen des Judentums weithin sichtbar auf ihre Fahnen geschrieben hat. Das liberale Judentum will dem Judentum wieder geben, was des Judentums ist: die Religion, „wodurch eine Gesamtheit groß geworden," sagt ein alter Autor, „dadurch allein erhält sie ftd] groß." Nehmt dem Judentum die Religion, und ihr habt ihrn die Lebensader unterbunden, ihr habt es mit den wurzeln ansgerissen, ihr habt ihm die Daseinsberechtigung genommen! Das liberale Judentum will die Juden der Gegenwart wieder der Religion des Judentums und die Religion des Judentums wieder den Juden der Gegenwart nahe bringen. Und darum muß das Judentum sowohl wie die Juden von ihrer Stelle rücken. Uns müssen wir reformieren und