Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 4 (1912)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1912)
- Date
- 1912-01-01
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Mr. Seligmann: Znm neuen Jahrgang darum Zeichen des Willens zum Judentum? Und nicht vielmehr Kundgebungen des Willens zur Juden heit? Steckt nicht unbewußt ein verschämt-Zionistisches, Nationales, historisches. Soziales hinter all dieser Nielgeschäftigkeit? Aber kein Judentum. Denn Iudeutunr ist und bleibt ein für allemal „jüdische Religio n". Und nun besehe man sich von diesem Gesichtspunkt aus unsere modernen jüdischen verbände. In.dein jüdischen Orden Bne bris, in den Sitzungen der Logen ist „die Religion ausgeschlossen". In den jüdischen „paritätischen" Jugendvereinen ist „Religion ausgeschlossen". Im jüdischen Frauenbund ist die „Religion ausgeschlossen". Den Zionisten ist „Religion Privatsache". Soziale Arbeit, humanitäre Arbeit, wissenschaftliche Kleinarbeit, Apologetik — alles wird in den verbänden und Vereinen geleistet, nur das „Judentum an sich", die jüdische Religion ist das Aschenbrödel am Lserd. Ist das ein Normalzustand? Sind das gesunde Verhältnisse? Wohin geraten wir? Wir wissen freilich, wie das allmählich so gekommen ist. Zuerst geschah es, um die religiösen parteiunterschiede zu vertuschen, um den verschiedenen religiösen Richtungen ein Zusammenarbeiten zu ermöglichen. Dann aber hat mein sich leise daran gewöhnt, wie an etwas Selbstverständliches, und empfindet es nicht einmal mehr als anormal, als die größte Sünde wider das Judentum, jüdisch zu sein ohne Religion. Die Religion wird zu dem Gespenst im Lsaus, von dem zu sprechen Jeder sich fürchtet. Indem man so stillschweigend die Religion ans der öffentlichen Diskussion eliminierte, wurde ein Geschlecht von Juden herangezüchtet, und soll noch immer weiter großgezogen und gehegt werden, das jede innere Beziehung zur Religion verloren hat. Sie vermeinen und rühmen sich, güte Juden zu sein und laufen jeder neuen Tagesweisheit nach und glauben nicht nur nicht, sondern kümmern sich nicht einmal um das, was das Wesentliche der Religion ansmacht. Sie sind materialistische Monisten und leugnen das Geistige in der Welt. Sie fragen nicht nach dem Sinn des Lebens, nach der Bestimmung der Menschheit, sie glauben nicht an die ewigen werte des Seins, nicht an alles verborgene und Unsichtbare, das hinter der Oberfläche der Erscheinungen liegt. Sie wissen nichts von der großen, heiligen Sehnsucht der Seele nach 'Gott. Aber trotz alledem glauben sie gute Juden zu sein. Ja selbst in gewissen Nuancen des historisch-positiven und orthodoxen Judentums überwuchert das Historische vielfach das Religiöse, vielleicht verstehen sie uns nicht nicht eimnal in ihrer religiösen Bedürfnislosigkeit und sagen: Li was, das Judentum ist keine Glaubensreligion, sondern eine Religion des Tuns; oder, wie mir einmal ein Zionist auf meine Frage, wie es der Zionismus mit der Religion halte, geantwortet hat: „Wir treiben keine Gesinnungsschnüffelei!" Ja, liebes Judentum, wenn du nur deine Schechita und deine Mikwa, deine Lhewra Kadischa und deinen psak din hast, wenn nur kein Paragraph im Schulchan aruch übertreten und kein Wort im alten Siddur oder Machsor ausgelassen wird, ,und beträfe cs Gebete für Behörden, die feit tausend Jahren nicht mehr existieren — dann ist alles in Ordnung, dann laß den Glauben Glauben und die Religiosität Religiosität sein! Ist nicht in dieser Art Judentum, von der sich seit über hundert Jahren in immer steigendem Maße die Kerzen und Geister abwenden, etwas brüchig? Ist dieses Judentum eine Herzensreligion, die lebensstark aus dem tiefen Schacht der religiös gestimmten Persönlichkeit strömt? Bilden nicht auch hier „jüdisch" und „religiös" oft geradezu Gegensätze? Man ist historisch geworden, um nicht religiös zu sein.