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Liberales Judentum · 1911-11-01 · Heft 11 (November 1911) · p. Seite 262

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Liberales Judentum
Volume
3 (1911)
Issue
Heft 11 (November 1911)
Date
1911-11-01
Page
Seite 262 (sequence 22)
Language
German
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262 Mas Wiener: Zur Geschichte der religiösen Aufklärung O 0 Hauptbegriff der „natürlichen" oder „vernünftigen" Religion wirkte auf die Gemüter umso nachdrücklicher, als er fast die einzige Nahrung des religiösen Verlangens war; denn die irrationalen Dogmen und Riten hatte ihre einstige Macht verloren. Aus dem Kreise dieser Fragen drängt sich nun die fundamentale Schwierigkeit hervor, die dem Glauben an Gott eigen ist; die Frage, wie denn das Uebel in der Welt mit Gottes Existenz vereinbar sei, das Problem des Buches Hiob. Dieser Frage widmet Leibniz seine populärste Schrift, die Theodicee. Die Lösung, die er gibt, benutzt seine metaphysischen Grundlehren, Wie wir wissen, löst sich ihm die Wirklichkeit auf in eine Unendlichkeit von Monaden, die in unermeßlicher Stufenfolge alle möglichen Vollkommenheiten verkörpern. Alle diese Wesen, mit Ausnahme des Einen, der sie ins Dasein rief, sind endlich. Mit dieser Eigenschaft aber ist unvermeidlich der Begriff der Unvollkommenheiten verknüpft. Nur in geschaffenen, also endlichen Welten kann sich die Fülle des göttlichen Lebens und Wirkens offenbaren. So ist es das metaphysische Geschick der Kreatur unvollkommen zu sein. Aber genau genommen, legitimiert sich dieser Mangel doch als nichts anderes, denn als ein geringerer Grad von Vollkommenheit. Die Mannigfaltigkeit der Welt, ihr unerschöpflicher Reichtum an Individualitäten, trägt die Schuld an jenem Nachteil. Das Böse und das Uebel, so weit sie. sich im Besonderen und Individuellen zeigen, wird von Leibniz nicht bestritten. Nur dem auf das Universum eingestellten Blick, der vom Einzelnen und Beschränkten immer wieder zur Unendlichkeit des Alls hinschweift, enthüllt sich das Schlechte als ein minder Gutes, das Uebel als ein weniger vollkommenes. Diese Theodicee hat den Fehler, daß sie als Rechtfertigung Gottes vor sich selber unwiderlegbar sein mag; im Bewußtsein des Schöpfers mag die Welt eine einzige wohlgegliederte Einheit sein, ein Organismus, der nur im Hinblick auf seinen Einheitscharakter zu betrachten und zu beurteilen ist. Wie aber steht es mit dem Fragment der Welt, das ich einzelner Mensch 'in mir verkörpere, der ich eben nur als Bruchstück des Universums mich selbst erlebe und zufrieden sein muß mit dem Anteil am Sein, der nun einmal mein Leben ist? Wäre meine Pein geringer, wenn die Mehrzahl der Menschen glücklicher wäre als ich? Die verzweifelte Schwierigkeit des Lösungsversuchs tritt besonders klar in den Erörterungen hervor, "die Leibniz der christlichen Lehre von der Gnadenwahl widmet. Nach dieser besteht eine hohe Wahrscheinlichkeit dafür, daß der größte Teil aller Menschen der ewigen Verdammnis anheimfällt. Leibniz gibt diese Möglichkeit zu; aber er glaubt den trostreichen Gedanken nicht zurückhalten zu sollen, daß, wenn immerhin der größte Teil der auf diesem Planeten hausenden Menschheit in Verdammnis dahinführe, doch immer noch die Aussicht bleibt, daß die zahllosen Vernunftwesen der anderen Welten die Fülle ungetrübter Glückseligkeit genießen können. wir erkennen daraus deutlich die Richtung, in welche Leibniz die Antwort schiebt: die Welt darf nicht lediglich unter dem Gesichtspunkt menschlicher Zwecke und Wertmaßstäbe geschaut und beurteilt werden. Es mag erwähnt sein, daß der Philosoph unter den Denkern, die hierin der gleichen Ansicht sind, des Mose Maimonides gedenkt,*) den freilich jene dogmatischen Sorgen nicht drücken. Gegen jenen Ausweg aber muß grundsätzlich geltend gemacht werden, daß es der Religion wesenhaft ist, Welt und Leben anthropozentrisch zu betrachten, aus den Sorgen und Anliegen des menschlichen Geistes heraus zu einer befriedigenden Deutung der Wirklichkeit zu gelangen. Darum kann der versuch einer Theodicee, wie Leibniz ihn unternimmt, niemals erfolgreich sein. Gegen alle derartige Unternehmungen erhebt sich der Einwand: Selbst wenn die Vollkommenheit der Welt 'bis auf ein geringes offenbar wäre, so ist damit Gottes Vollkommenheit viel weniger überzeugend nachgewiesen, als durch den kleinsten Mangel in ihrer Beschaffenheit die Unwichtigkeit der Annahme demonstriert ist, daß Gott zugleich allmächtig, allweise und allgütig ist. Und ein solcher Mangel wäre es schon, wenn nur ein einziges Wesen existierte, das nicht von seiner unerhörten Glückseligkeit überzeugt wäre. *) L. tut das in einer Form, die großen Respekt vor Maimonides, aber sehr geringen vor gnderen jüdischen Denkern offenbart. Theodicee II § 262.

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