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Liberales Judentum · 1911-11-01 · Heft 11 (November 1911) · p. Seite 261

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Liberales Judentum
Volume
3 (1911)
Issue
Heft 11 (November 1911)
Date
1911-11-01
Page
Seite 261 (sequence 21)
Language
German
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0 o o o 261 Max Wiener: Zur Geschichte der religiösen Aufklärung Jede dieser. Monaden führt ein Einzölleben irrt strengsten Sinne des 'Wortes; wahrhaft selbständig und von einander unabhängig wirken sie kraft des Gesetzes der ihnen eingepflanzten Eigenart, ohne daß sie sich gegenfeitiig beeinflussen, ohne daß eine die Wege der anderen durchkreuzt. Wäre damit das letzte wort gesprochen, so ginge freilich alle Einheit, jeglicher Zusammenhang und Sein verloren. Der Sieg der Individualität wäre mit der Preisgabe aller Ordnung und Harmonie im Weltgetriebe erkauft. Leibniz begegnet dieser Gefahr der Anarchie. Denn in seinem Denken wirkt die Idee einer harmonischen Weltordnung am stärksten. Und er begegnet ihr in einer Weise, die der sichtbarste Ausdruck der religiösen Gestimmtheit seines philo sophierens ist. Gr löst das Problem durch den Hinweis auf den göttlichen Schöpfer. Dieser hat in seiner alles voraussehenden und vorausberechnenden Weisheit die Elemente des Seins, jene Monaden, so ausgestattet und angeordnet, daß ihr wirken in der realen Welt trefflich zusammenstimmt. So bietet sie das Bild eines Organismus dar, in dem ein Glied das andere wechselseitig fordert. Die drohende Dissonanz wandelt sich zur Harmonie. Diese Lehre von der x r ä st a b i l i e r t e n Harmonie kann als der metaphysische Ausdruck des theoretischen Grundgedankens der theistischen Religion gelten: die Welt ist ein durch und durch zweckerfülltes Gebilde, in dem es kein Zuviel und kein Zuwenig gibt, wo keine Anordnung stört, wo jedem Seienden sein Platz vom allmächtigen und weisen Schöpfer der Dinge eingeräumt ward. Das Dasein ist die Verwirklichung höchster Zwecke; es ist zur Erfüllung letzter werte vom Schöpfer ausgedacht, aus dem Dämmerschein vager Möglichkeit an das Tageslicht realen Lebens berufen. Leibniz wagt es, diesen Gedanken zu Ende zu denken: vereinigt das Wesen der Gottheit in sich Allmacht mit höchster Weisheit und Güte, so muß die Welt, ihre Schöpfung, von unübertrefflicher Vollkommenheit sein. Und so verstehen wir seine These: die Welt, in der wir leben, ist die beste aller möglichenwelten. Mit diesem Bekenntnis zum Optimismus, den seine Lehre philosophisch begründet, zeigt sich Leibniz als erfüllt von dem Lebensgefühl, das zu den charakteristischsten Merkmalen der Aufklärungszeit gehört. Es ist die Reaktion gegen den Druck des christlichen Pessimismus, der so lange auf den Gemütern gelastet hat, aber jetzt endlich abgestreift wird, und zwar auch von denen, die, wie Leibniz, dem dogmatischen Lehrgehalt des Christentums keineswegs feindlich gegenüber standen. Es ist interessant, die mannigfachen Nüancen - Ausstrahlungen dieses Optimismus zu betrachten, der Atheisten wie Gläubige in gleicher weise ergriffen hat. Die intellektualistische Geistesrichtung, die von den Engländern ihren Weg zu den Franzosen und Deutschen fand, glaubte, daß die gewonnene wissenschaftliche Aufklärung unfehlbar zu einer moralischen Wiedergeburt führen müsse. Und da man die Eroberungen des Geistes sehr hoch 'bewertete und alle Gebiete des Wissenswerten im wesentlichen durch Einsicht zu haben glaubte, so konnte es nicht fehlen, daß in vielen die satte Stimmung aufkam, wie herrlich weit sie es doch eigentlich gebracht hätten. Daß man über den wert der intellektualistischen Kultur auch anders urteilen konnte, lehrt das Beispiel Rousseaus. Neben diesem optimistischen Ueb erschwang in der Beurteilung der erreichten Kulturhöhe steht Leibniz Werk, das den Optimismus nretaphysisch im Grunde des Seins verankert. Leibniz hat durch diese Tat einen außerordentlichen Einfluß auf die Gedanken- und Gefühlswelt des achtzehnten Jahrhunderts ausgeübt. In der tiefsinnig begründeten Idee einer durch und durch zweckvollen Welt wurzelt das grade der späteren Aufklärungszeit eigentümliche Streben, die Zweckmäßigkeit des Daseins im einzelnen, im Leben und Weben der Geschöpfe zu begreifen. Die Naturanschauung Darwins versucht im neunzehnten Jahrhundert, mit den Ideen der Einpassung an die Naturbedingungen und der natürlichen Auslese das Problem der Naturzweckmäßigkeit durch mechanistische Prinzipien zu bewältigen, übrigens ohne damit die Ueberflüfsigkeit einer höchsten Intelligenz zu behaupten. Die Aufklärung aber, soweit sie nicht schroff materialistisch empfand, legte der Weltbetrachden Gedanken eines allgütigen und allmämächtigen persönlichen Gottes zu Grunde, dessen Schöpfung von bewunderungswürdiger Ordnung und Harmonie erfüllt sei. Dieser

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