Mannheim
Compact Memory

Liberales Judentum · 1911-11-01 · Heft 11 (November 1911) · p. Seite 260

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Liberales Judentum
Volume
3 (1911)
Issue
Heft 11 (November 1911)
Date
1911-11-01
Page
Seite 260 (sequence 20)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3126481-3126513-3126524--0986-3127809
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

260 o o o o Mar Wiener: Zur Geschichte -er religiösen Ansklärung so scheint es uns in der Tat. Line Welt, wie er sie konstruiert, mag möglich und denkbar sein; aber sie ist nicht die, in welcher wir leben, wir haben es nur mit seinem Religionsbegriff zu tun. Er leidet, wie wir glauben, an der Krankheit alles Monismus, in dem er das selbständige Ligenleben des Menschen völlig entwurzelt und ihn zu hoffnungsloser Vernichtung verdammt. Denn nichts anderes bedeutet ja endgültig das Aufgehen des eigenen Selbst im All-Linen. Gotteserkenntnis und Gottesliebe, die höchste Stufen menschlichen Seins: sie heißen, genau betrachtet, nichts anderes, denn sehenden Auges und fühlenden Herzens den eigenen Untergang erleben, sich selber in der Unendlichkeit des Linen verlieren. Spinozas Lehre teilt das Schicksal aller Mystik, daß sie im tiefsten Grunde auf einen tragischen Ton gestimmt ist. Wohl findet sich der weise heiter in sein Schicksal, — aber nur weil es eben Weisheit ist, das Unvermeidliche lächelnd zu ertragen. An der Buntheit und lebensvollen Mannigfaltigkeit der Dinge kann er sich nimmer freuen, da diese ihm ja nur gaukelndes Spiel, täuschende Lüge bedeuten, den Schleier, der das wahre Sein den stumpfen Sinnen verbirgt. Wohl weckt Spinozas Ethik auch aktive Affekte iit der Seele zum Leben; aber er nutzt den Aufschwung des Geistes nur dazu, um dem Menschen sein eigenes Nichts mit aller Klarheit zu Gemüte zu führen. Unzweifelhaft steckt in diesen Ideen ein höchst bedeutsames Merkmal des religiösen Erlebnisses, aus dem nun einmal das andächtige Gefühl unserer Abhängigkeit vom Sein des Alls nicht zu verbannen ist. Aber es darf dabei nicht fein Bewenden haben. Die Religion soll uns nicht das Rückgrat persönlichen Eigenlebens zerbrechen, uns nicht die Freude an der Betätigung eines eigengearteten Selbst verderben, das seine Wege geht und eigenen Zielen zustrebt. Wohl wehrt sie dem selbstischen Trieb, zu prometheischer Selbstvergötterung fortzuschreiten. Aber nur, wenn diese beiden Gefühlsrichtungen in einer Seele Zusammenwirken, wird jenes Spannungsbewußtsein erklärbar, das uns das religiöse Erlebnis zu 'charakterisieren scheint; das Spannungsgefühl, das erzeugt wird durch die einander widerstrebenden Richtungen der Seele zur Vereinigung mit Gott und zur trotzigen Behauptung der eigenen Unabhängigkeit. Noch viel größere Schwierigkeiten bereitet der mechanistische Monismus Spinozas, wo es gilt, zu dem wichtigsten Problem der religiösen Wirklichkeitsbetrachtung Stellung zu nehmen, zu der Frage nach dem Sinn der Welt, nach dem werte des Seins. Ja, er ist geradezu unfähig, diese Frage auch nur zu verstehen. Spinoza rühmt sich alles wirkliche wie Gebilde des mathematischen Denkens anzuschauen; auch menschliches wollen und handeln und Denken, folglich alle Schöpfungen der Kultur, scheinen ihm keiner anderen Betrachtung zugänglich wie Linien und Flächen und Körper, wer so denkt, der steht in Wahrheit den Erscheinungen des geistigen Lebens, der menschheitlichen Kultur ratlos gegenüber. Denn deren Prinzip sind wert und Zweck. And darum bleibt Spinozas Philosophie, welch tief religiösen, wahrhaft frommen Stimmungen und Gefühle auch ihre Gedanken durchwehen mögen, der religiösen Weltbetrachtung unsagbar fern. Denn diese will die Welt und das Leben in ihr als ein Reich göttlicher Zwecke begreifen; sie will das Dasein Gottes verstehen als die waltung eines sittlichen Weltregiments. Als einen 'Vertreter solchen Denkens wollen wir versuchen, Leibniz zu würdigen. Dieser Denker hat einen scharfen Blick für das Einzelne, Besondere, verschiedene, für den wert der Individualität. Die Welt, die für Spinoza die eine und einheitliche Substanz war, löst sich für Leibniz auf in eine Vielheit von Individuen. Keine dieser „Monaden" gleicht der anderen; so kommt ihnen allen die Würde unverlierbarer und unersetzlicher Individualität zu. Ueberall, wo Dasein aufsproßt, da herrscht auch 'Leben und Bewußtheit, von unten angefangen, von der nur scheinbar toten Materie an auf dem weiten Wege durch Pflanzen- und Tierreich hindurch bis hinauf zu den vernünftigen Wesen, da ist alles Leben, Seele, Geist; eine Stufenfolge von Wesen in unerschöpflicher Mannigfaltigkeit, Zeugnis ablegend von dem unermeßlichen Reichtum des Daseins, das sich niemals wiederholt und ab schreibt, sondern in unendlicher Fülle immert verschiedenes dem offenen Auge darbietet.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.