Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 3 (1911)
- Issue
- Heft 11 (November 1911)
- Date
- 1911-11-01
- Page
- Seite 257 (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
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Joseph Kauffmonn: Fikrralr Gedanken eines Konservativen 257 jondulieren kann, sich aber ein kunstvolles Lockengewimmel fremder Herkunft aufstülpt? Dabei ist die „Tour" eine Neuerung, die man vor OO oder 200 Jahren noch nicht gekannt hat! Da lag im „Tiefgehen" wahrlich ein ganz anderer wert! Ist denn der Mann so sinnlich veranlagt, daß er durch den Anblick der Haare einer Frau außer Rand und Band gerät, daß eine Synagoge geschlossen werdensollte, weil das Gitter der Frauenempore nicht hoch genug ausgefallen war? Hier hatte sich eine jüdische Sängerin bereit erklärt, bei der Religionsweihe ein Solo, von der Frauenempore aus, zu singen; der Vorstand hat das Anerbieten gern angenommen, aber die Orthodoxie schreit: Kol boischoh erwoh! dezent übersetzt: mulier taceat in ecclesia. Sollte das zehnte Gebot nicht genügen? In größeren Städten muß der Fromme oft weit wandern, wenn er am Sabbat oder Feiertag dem Gottesdienste beiwohnen will; Straßenbahnen darf er nicht benutzen, obwohl diese auch ohne ihn regelmäßig verkehren, obgleich seinetwegen nicht die geringste Mehrarbeit geleistet wird. Die ganze Woche haben Mann und Frau im dumpfen Trödelladen gewirkt, "die Rinder weilten in engen Stuben oder auf staubiger Gasse. Wie not täte der Familie ein wenig frische Luft, ein bischen Sonnenschein! Aber einen tüchtigen Spaziergang ins Freie darf man nicht machen, man würde ja die 2000 Ellen überschreiten, auf die Bahn darf man sich nicht setzen, um einige Stunden in reiner, gesunder Gegend zu weilen. Steht das nicht im Widerspruch zur Hygiene der Thora? „Du sollst die Ecken deines Bartes nicht Verstümmeln" lautet das biblische Gebot, die Erudition verbietet das Rasiermesser. Heute noch im Osten, früher auch bei uns, trägt daher der jüdische Mann einen V o l l - bart. Mit der Emanzipation der Juden hat sich "dann der wünsch eingestellt, die Barttracht der Umgebung anzunehmen, vielleicht um nicht durch den gelben Fleck des Iudenbartes sich kenntlich zu machen. Das „Zwicken" kam auf, eine Schere ist ja kein Rasiermesser. Ob jetzt ein Gillet-Apparat erlaubt ist, weiß ich nicht. Dem Zwicken folgte infolge der Fortschritte der Naturwissenschaft ein chemisches Mittel, das die Haare gründlich zerstört. Ist damit nicht der biblischen Verordnung direkt ins Gesicht geschlagen? Zerstört wird der Bart, obwohl es verboten! Wenn nur nicht das rabbinisch verpönte Rasiermesser benutzt wird! „Sechs Tage sollst du arbeiten, aber am siebenten sollst du ruhn". So war's einmal, aber die Rabbinen haben hier und da noch viel hinzugefügt. Am Freitag Nachmittag, am Chol hamoed usw. soll nur das Notwendigste erledigt werden. Außerhalb Palästinas genügt nicht ein Feiertag. Am vergangenen j)esfach waren die ersten Feiertage am Donnerstag und Freitag, dann kam Sabbat, dann drei Dstertage (hier tut man es nicht mit zwei), dann die beiden letzten Feiertage und dann endlich ein Arbeitstag, aber ein Freitag, dem wieder zwei Ruhetage folgen; also auf einen Arbeitstag zehn Tage der Ruhe! So geht es in den meisten Jahren. An einem Beispiele möchte ich zeigen, wohin die strengste Beobachtung der Sabbatruhe führt. Ich hatte bis vor kurzem einen älteren russischen Arbeiter, der am Sabbat nicht arbeiten durfte, am Sonntag nicht arbeiten konnte, am Freitag Nachmittag nicht arbeiten wollte; im Winter konnte er morgens erst \—2 Stunden später zur Arbeit kommen, weil er vor Amud. haschachar nicht Tefillin legen durfte; an den 5 Fasttagen war er zu schwach, am j)urim zu lustig, um zu arbeiten; sonst war er aber ein fleißiger und nüchterner Mann. Resumd: