Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 3 (1911)
- Issue
- Heft 11 (November 1911)
- Date
- 1911-11-01
- Page
- Seite 256 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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256 Joseph Kauffmann: Liberale Gedanken eines Konservativen reichten sich die Hände und waren nun „Wand". Acht Tage lang, dreimal täglich, standen die kleinen Wesen zum Gaudium der Nachbarn auf Kosten, bis der fromme Gast dejeuniert, diniert und soupiert hatte. Gin Vater hatte einen ähnlichen Herrn zur Brismiloh geladen. Bei der Tafel erwähnte der Vater, sein älterer, 3 Jahre alter Sohn habe gewisse Beschwerden. Der Herr, kein Arzt, kein Mohel, kein Rabbiner, untersuchte und erklärte, es sei feiner Zeit zu wenig abgeschnitten, es müsse eine Nachoperation stattfinden. Glücklicherweise konnte ich die Absicht verhindern. Kurz vor den hohen Feiertagen erwähnte einer unserer Lehrer im Religionsunterricht, Gott bestrafe jeden, der am Roschhaschonoh und Jom-Kippur die Synagoge nicht besuche. Lin Knabe, dessen Litern außerhalb jeder Religionsübung stehen und die Synagoge nie besuchen, erkältete sich! und müßte das Bett hüten. Das Kind war außer sich in Furcht vor göttlicher Strafe, bekam hohes Fieber, sein Zustand war lebensgefährlich. Vor einigen Monaten lag eine hiesige Dame im Sterben, sie war lungenleidend. Ohne mein Wissen wurde ein Bittgottesdienst abgehalten. Aus Psalm W wurden die Verse nüt den Anfangsbuchstaben ihres Namens und des Kräh Soton rezitiert, sie bekam einen neuen Namen, damit der Malach Hammowes sie nicht finden könne — sie starb aber am selben Tage; 'der „Gottesdienst" hatte nicht bewirkt, daß ihr eine neue Lunge erwuchs. Ich kann das nicht als Religion betrachten, ebensowenig, wie wenn im Jahrhundert der Gasbadeöfen und der Kachelwannen der hohe religiöse Wert der nach den baupolizeilichen Vorschriften einer vor 2000 Jahren bestandenen Behörde eingerichteten, aber vielfach unsauber gehaltenen Mikwah gepriesen wird. Ls ist eine Tatsache, daß es heute nur noch herzlich wenige deutsche Iudenfrauen gibt, die eine Mikwah besuchen. Wie bei vielen biblischen Verordnungen sind wir auch bei den Mikwahvorschriften auf die Tradition angewiesen. Aber ich 'bin' überzeugt, daß die Mikwah nicht so in Nichtachtung gekommen wäre, wenn die verantwortlichen Behörden^ in erster Reihe die Rabbiner, es verstanden hätten, die Mikwahvorschriften zeitgemäß auszulegen, unter Berücksichtigung der Fortschritte der Technik und der Hygiene. Das starre Festhalten an veralteten Bestimmungen Hat den Fall des Gesetzes verursacht, die Schuld trägt das System. Das 'Streben aller Volksfreunde geht darauf hinaus, dem Volke gute Nahrung zu möglichst billigen Preisen zu schaffen. Abev unsere ärmeren religiösen Glaubensgenossen müssen ihr treues Festhalten an den Speisevorschriften teuer bezahlen. Line große Koscherindustrie hat sich entwickelt, jedes Lebensmittel, das Anspruch auf Verwendung im rituellen Haushalt macht, muß die Beglaubigung eines orthodoxen Rabbinern tragen, muß unter Aufsicht hergestellt sein. Die Aufsicht ist teuer, der Konsum gering, der Händler muß dem Prinzip des großen Nutzens bei kleinem Umsatz huldigen, der Konsument muß für schlechtere Qualität oft den doppelten Preis zahlen, den sein wohlhabender und dann fast regelmäßig nicht mehr religiöser Nachbar für erstklassige Nahrungsmittel entrichtet. Wenn wir die Preiskurante der Gsterwaren betrachten, bleibt uns der Verstand stehen ob der hohen Preise, die den armen Gläubigen abgenommen werden, manches kostet das Mehrfache. Salz und Kaffee, Gemüsekonserven und Selterswasser, Seife und Putzpulver unterliegen dem Koscheroktroi. Oder ist es Religion, wenn im Säkulum der Frauenemanzipation ein frommer Mann einer Frau nicht die Hand reichen darf, wenn eine Frau nicht ihr eigenes Haar