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Liberales Judentum · 1911-11-01 · Heft 11 (November 1911) · p. Seite 255

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Liberales Judentum
Volume
3 (1911)
Issue
Heft 11 (November 1911)
Date
1911-11-01
Page
Seite 255 (sequence 15)
Language
German
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o o o o Joseph Kauffmann: Liberale Gedanken eines Konservativen 255 oft keiner besonders befriedigend ausgeübt wird. Diejenigen Lehrer, die aus den orthodoxen Seminaren kommen, haben viel hebräisch gelernt, aber nicht in sachgemäßer weise. Von Grammatik kennen sie zu wenig, von Mischnah und Gemarah zu viel. Ihre Bibelkenntnis geht wenig über Thora, haphtharoth und Psalmen hinaus. Die Kenntnis der biblischen Geschichte ist ungenügend, von jüdischer Geschichte wissen sie wenig, schon wegen der Ablehnung der Werke unserer großen Geschichtsschreiber Grätz und Jost. Sie sind halbe Lehrer und halbe Rabbiner, Halbheit ist in jedem Berufe schlimm. Die seminaristische Vorbildung in den anderen Seminarien erscheint mir eine bessere, aber sie hat ausschließlich den Unterricht in der Volksschule als Ziel, wenn die Herren Zöglinge höherer Schulen unterrichten sollen,dann hapert es. während früher nur besonders befähigte Knaben dein Gymnasium oder Realgymnasium zugeführt wurden, ist es heute Mode geworden, daß jeder jüdische Vater sein Kind, einerlei ob es gut veranlagt ist, oder nicht, in eine höhere Schule schickt. Ls gilt als Schande, einen Sohn nur die Volksschule besuchen zu lassen. Diese Aenderung in den Einschulungen haben die jüdischen Seminare bisher zu wenig beachtet. Gerade in dem Alter, in welchem Knabe oder Mädchen Verständnis für religiöse Fragen erwerben, in dem Zweifel erwachen, Konflikte zwischen religions- und naturwissenschaftlichem Unterricht entstehen, versagen die seminaristisch vorgebildeten Lehrer in der Regel vollständig — wenn sie es auch niemals eingestehen werden. Line wesentliche Aenderung in d.er Vorbildung der Lehrer dürfte erforderlich sein. Vor allem müssen aber Schule und Haus wieder mehr Zusammenarbeiten. Dazu müssen die Frauen der Religion wieder erobert werden, denn die Frauen sind heute leider religionsfremder, als die Männer. Esches chajil mi jimzoh! wo findet man noch fromme Frauen! Deshalb ist es erforderlich, daß der Mädchenunterricht mit mehr Sorgfalt behandelt wird, als bisher, wie in der Welt draußen der alte Glaube, Mädchen brauchen nichts zu lernen, glücklicherweise gestorben ist, so sollte auch bei unserem Religionsunterricht kein Unterschied zwischen Mädchen und Knaben gemacht werden, sollte vielmehr alles aufgeboten werden, um durch Belehrung und Aufklärung die Frau, also das Haus wieder zu gewinnen. Läßt sich dieses heranziehen der Frau nur durch Mitwirkung derselben beim Gottesdienst oder durch Stimmrecht und Wählbarkeit zur Gemeindeverwaltung ermöglichen — in Gottes Namen! Mag auch 'in diesen Punkten eine Gleichberechtigung eintreten, schaden wird's nicht! — wenn Mose oder die Propheten heute wieder auf die Lrde kämen, sie würden die Hände über dem Kopfe zusammenschlagen, ob dessen, was aus unserer Religion geworden ist, und Iesaias könnte neue Reden über das Thema halten: Habe ich euch das befohlen? Bände könnte ich vollschreiben, wenn ich meine Konflikte mit den orthodoxen Herren in unserer Gemeinde niederlegen wollte, leider fehlt mir auch die Gabe für humoristische Schriftstellerei. Aber einige krasse Fälle möchte ich doch ansühren, Wahrheiten, keine Anekdoten. Vor 2 Jahren war ein hiesiger gesetzestreuer Herr von einem Russen eingeladen, während Sukkoth in seiner Laubhütte zu speisen. Lr kam, sah und erklärte die Sukkoh für unbrauchbar, die eine wand war nicht nach dem diu. Was tun? Die Köpfe wurden zusammengesteckt, und ein Ausweg ward gefunden. Der Russe hat 3 kleine Töchter, diese wurden in Reih und Glied aufgestellt,

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