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Liberales Judentum · 1911-11-01 · Heft 11 (November 1911) · p. Seite 254

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Liberales Judentum
Volume
3 (1911)
Issue
Heft 11 (November 1911)
Date
1911-11-01
Page
Seite 254 (sequence 14)
Language
German
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254 Joseph Kauffrnann: Liberale Gedanken eines Konservativen O 0 O O für sein Beten bezahlter Minjanmann eintritt, dann ist die Gemeinde vollzählig! Wie lange ist solcher Gottesdienst noch haltbar? Dieses Geschlecht ist noch mehr oder weniger damit zufrieden, das kommende, gewiß aber das nächstfolgende, wird einfach der Synagoge fernbleiben. Eine Reform des Gottesdienstes ist notwendig, muß kommen, verkehrt wäre es aber, solche Reform von außen in eine Gemeinde hineintragen zu wollen, wesentliche Aenderungen mit Gewalt durchführen zu suchen. Jede Gemeinde hat ihre Eigenart, ihre besonderen Bedürfnisse. Zeigt sich in einer Gemeinde, daß sie mit dem Bestehenden zufrieden ist, dann wäre es verkehrt, ihr wesentliche Neuerungen bringen zu wollen. Allmählich und kaum merklich tritt doch eine Aenderung ein, wenn die Führer aufmerksam sind und Verständnis zAgen. Ein moderner Gottesdienst, wie der Frankfurter, zieht dort eine große Menge früher Synagogenfremder an, in vielen anderen Gemeinden würde er Synagogenfeinde schaffen. Trotzdem ist der Gottesdienst heute allerorts ein anderer als vor 50 Jahren,'er wird in weiteren 50 Zähren wahrscheinlich in wachsend rascherem Tempo sich reformieren. — Wichtiger aber, als eine Reform des Gottesdienstes ist die Reform des Religionsunterrichts. Dieser liegt recht im Argen. Das Grundübel ist der Mangel eines Zusammenwirkens von Haus und Schule. Der Unterricht leidet unter der Notwendigkeit, alle die Dinge, welche das Haus früher den Rindern spielend beigebracht hat, behandeln zu müssen, die hauptsächlichsten Gebräuche, Geläufigkeit des hebräisch Lesens usw. Während früher die Mütter den kleinen Rindern schon biblische Geschichten erzählten, die Väter den Söhnen von klein auf an Gebete, Segenssprüche, Gebräuche beibrachten, kommen die Rinder heute ganz fremd und ahnungslos zur Religionsschule. Zn wie vielen Däusern gibt es noch einen Riddusch, wird ein Seder abgehalten, zündet man Thanukahlichter an? Die Religionsschule muß ihre Zeit mit unendlichen Leseübungen hinbringen, und die Rinder lernen doch nur stümperhaft lesen, fehlt doch die Uebung im brause und in der Synagoge. Der Unterricht im hebräischen wird meistens nach veralteter Methode gegeben. Dhne in die Renntnis der Sprache und ihres Baues näher einzudringen, werden Gebete, also sprachlich schwierige Stücke, vor- und nachübersetzt, in der nächsten Stunde weiß das Rind nicht mehr, ob Io „nicht" und lonu „uns" heißt oder ob es umgekehrt ist. Gewiß sollen unsere Rinder hebräisch lernen, mehr und besser als heute, sie sollen unsere schönen, alten Gebete verstehen lernen, damit sie einst dem Gottesdienste mit Verständnis folgen können, sie sollen auch leichtere j)entateuchstellen übertragen können, damit die "Schönheit unserer Bibel und unserer Sprache ihnen aufgeht und sie sich nach dem schulpflichtigen Alter weiter fortbilden können, wenn ihr Znteresse und Verständnis erweckt und erwacht ist. Der Unterricht in der hebräischen Sprache soll die Rinder befähigen, an dem Gottesdienste teilnehmen zu können, wenn sie die Schule verlassen haben, wenn sie religionspflichtig sind. Während der Schulzeit ist der Synagogenbesuch als Teil des Unterrichts zu betrachten. Das hebräische nimmt etwa die Hälfte der Unterrichtszeit in Anspruch, die andere Hälfte bleibt für biblische Geschichte und eigentlichen Religionsunterricht. Diese Zweige liegen ja etwas besser, aber noch lange nicht befriedigend. Das liegt viel an der Vorbildung der Lehrer. Die kleineren Gemeinden sind in der Regel auf einen Beamten angewiesen, dieser soll predigen, vorbeten, leienen, Schofarblasen, schächten und — — unterrichten. Rein Wunder, daß von diesen vielen Berufen

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