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Liberales Judentum · 1911-11-01 · Heft 11 (November 1911) · p. Seite 253

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Journal
Liberales Judentum
Volume
3 (1911)
Issue
Heft 11 (November 1911)
Date
1911-11-01
Page
Seite 253 (sequence 13)
Language
German
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Joseph Kauffmann: Liberale Gedanken eines Konservativen 253 stand und mein Gefühl verstößt, dann begehe ich keine Sünde, wenn ich ihn ausgebe, sondern im Gegenteil eine mich befriedigende Tat. Es gibt viele Menschen, die ähnlich denken, die Zern religiöse Juden sein und bleiben wollen, die es aber schmerzlich empfinden, daß ihre Bestrebungen von beiden Seiten, von rechts und links, verkannt und verspottet werden. Rechts -steht der orthodoxe Aberglaube, links der irreligiöse Radikalismus. Der Liberalismus will aufklärend und belehrend wirken, deshalb kann ich mich ihm anfreunden. Der größte Feind, den wir zu bekämpfen haben, ist ja die Unwissenheit und deren Folgen, der Aberglaube, die Gleichgültigkeit und der Unglaube. U)enn hier der Liberalismus einsetzt, wenn er belehrend und bildend wirken kann, wenn er 'es erreicht, moderne Weltanschauung und Judentum zu vereinen, dann hat er weltgeschichtliche Bedeutung. Leider fehlt uns seit etwa J(500 fahren eine Behörde, die, auf dem Boden der Thora und der alten Ueberlieferungen aufbauend, zeitgemäßen Ausbau bewirken könnte. Hoschiwoh Schoftenu keworischonoh! Der Liberalismus strebt solchen Ausbau an; soweit er sich die Aufgabe stellt, nicht einzureißen, sondern auszubauen, stimme ich ihm bei. Am meisten reformbedürftig sind anerkanntermaßen unser Gottesdienst und unser Religionsunterricht. Unser hergebrachter Gottesdienst ist zur Werkheiligung geworden. An Sabbaten und den meisten Feiertagen ist er schwach besucht, gedankenlos sagen die „Andächtigen" ihre Gebete her, wenige verstehen, kaum einer achtet auf den Inhalt. Bei der Thoravorlesung oder der haphtharah haben Männer und Frauen die schönste Gelegenheit, sich zu unterhalten. Rur aus alter Gewohnheit kommen die Leute, nicht der Inhalt der Gebete, sondern die Vortragsweise bekannter Melodien befriedigt sie. Unser Wochentagsgottesdienst ist mir unsympathisch. Innerhalb einer halben Stunde wird das Zungenakrobatenkunststück fertig gebracht, ein Quantum Gebete herunterzurasseln, das für andächtiges, sorgfältiges Durchlesen, mit Bewußtsein des Inhalts, reichlich einen Vormittag ausfüllen könnte. Dabei wird jeder Gedanke zehnfach wiederholt, z. B. das Uaddischgebet 8—sO mal repetiert. Nehmen wir einmal das Iomkippurgebetbuch kritisch vor. Gewiß hat ein Jeder allerlei auf dem Gewissen, sodaß er in den Oschammi’s und. Al chet’s genug Material für Selbstbetrachtungen finden kann; aber 8—9 mal dieses Sündenregister, das ist zu viel. Glücklicherweise versteht fast niemand den Inhalt der Einschaltungen, sodaß die Engelspielereien vor und in der Ueduschah unschädlich verklingen. Wie arm ist doch unsere so gepriesene religiöse j)oesie, da dieselben Spielereien, dieselbe schwülstigen Phantasien sich in allen Gebetabteilungen immer und immer wiederholen, nur weil wir nichts anderes haben, um den langen Tag auszufüllen. Der schöne Gedanke, daß Gott an diesem Tage den strengen Richterstuhl gegen den Sitz des Erbarmens vertauscht, also Gnade für Recht gelten läßt, ist gewiß einmal am Tage erhebend und erbauend, wir rufen aber mindestens 20 mal aus: El melech joschew al kisseh rachämim! Ebenso unsympathisch sind demjenigen, der sie versteht, viele Einschaltungen anderer Festtage, ewig sich wiederholende Spielereien, unverständliche Naturbetrachtungen, kabbalistische Phantasien. — wenn 9 Männer, 9 Frauen und 9 Knaben versammelt sind, kann kein Gottesdienst stattfinden, dürfen Lobpreisungen des höchsten nicht erschallen. Aber wenn dann ein

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