Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 3 (1911)
- Issue
- Heft 11 (November 1911)
- Date
- 1911-11-01
- Page
- Seite 252 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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252 Joseph Kauffmann: Fibernle Gedanken eines Konservativen <£s gibt aber keine menschliche Einrichtung, Satzung oder Sitte, die sich nicht im Laufe der Zeiten ändern muß. Aonnte doch selbst ein Teil der Thoragebote nicht zu dauernder Einrichtung werden, verlangte Vieles doch mit der Zeit eine Auslegung, weil die Zeitumstände es erforderten. Schon im heiligen Lande waren Abänderungen notwendig, die Expatriierung setzte eine ganze Reihe Verordnungen außer Rraft. Es gab eine Zeit, in der die Notwendigkeit vorlag, einen Zaun um den andern zu bauen, um die junge Pflanzung zu schützen und zu sichern. Als aber der zarte Sprößling sich zu einem starken Baume entwickelt hatte, da mußten ihn die starren Umhüllungen einengen. Eine Vorsichtsmaßregel, die vor ca. 2500 Jahren gegenüber der heidnischen Umgebung, vor ca. 2000 Zähren in Rücksicht auf das entstehende Christentum, vor ca. f5OO Zähren im Gegensatz zu den Uaraiten erforderlich war, muß heute, bei ganz veränderten Verhältnissen, auf ihre religiöse Zweckmäßigkeit untersucht werden können. wir haben viele Anordnungen, Gebräuche und Sitten, die abänderungsbedürftig find, wer vermag das zu leugnen? U)er hat aber solche Autorität, daß er eine Reformation durchführen könnte? Vielleicht ist die liberale Vereinigung der Boden, aus dem ein Mann erwachsen wird, der als Jüdischer Luther zu begrüßen wäre, wenn die liberale Vereinigung nichts weiter erreicht, als die Grundlage für einen Reformator zu ebnen, hat sie auch schon einen guten Zweck. Auf Schritt und Tritt stoßen wir auf Gepflogenheiten und Gebräuche, die unjüdisch sind. Ein Wust von Aberglauben hat sich in unsere Religion, die jeden Aberglauben verpönt, eingeschlichen und Sitte gilt als Gesetz. Diese Unsitten zeigen sich namentlich bei Trauerfällen, schwer hält es, dagegen anzukämxfen. Vor einigen Zähren bat ein Herr, der zufällig hier anwesend war, einer Linsargung beiwohnen zu dürfen. Unzufrieden mit unfern Maßnahmen, wurde er so aufdringlich, daß wir ihm die Türe weisen mußten? Zch erinnere mich nur an einen seiner wünsche: dem Toten sollten Topfscherben auf die Augen gelegt werden, damit die Schedim ihm nicht die Augen ausfressen könnten. Bei einer auswärtigen Beerdigung, an der ich teilnahm, kam der Schames zu dem Sohne des Verstorbenen, und ersuchte ihn, mit ihm zu kommen um „Me'chiloh zu prahn". Auf seine Frage, was das bedeute, antwortete er: Sie klopfen dreimal an den Sarg und sagen dabei einen Spruch, den ich Zhnen vorsagen werde, dann hat Zhr Vater Zhnen alles verziehen, was Sie ihm etwa getan. Das war in einer westdeutschen Großstadt. Aber auch bei Hochzeiten und Wöchnerinnen kommen seltsame Gebräuche vor. Vor einem Zahre wohnte ich einer Hochzeit in einer großen Stadt Bayerns bei. Der Bräutigam trug ein breites weißes Seidenband um den Leib, das seltsam vom Frackanzug abstach. Zch erkundigte mich beim Rabbiner nach dem Grunde dieser Dekoration und hörte, daß das Band, in welches Weizenkörner eingestreut seien, von vorbildlicher Bedeutung für den Erfolg der Ehe wäre. Amulette finden sich heute noch in vielen Wochenstuben in Deutschland. — Das zweite, zu dem ich mich durchgerungen habe, ist die Erkenntnis, daß es eine Sünde im hergebrachten Sinne nicht gibt. Zch 'kann nur das als Sünde oder besser gesagt, als Unrecht und Schuld betrachten, was ich vor meinem eigenen Gewissen, nach ehrlicher Prüfung, nicht richtig finden kann, was ich aber vor mir selbst verantworten kann, das kann ich vor den Menschen und vor Gott verantworten, Habe ich die ehrliche Ueberzeugung, daß die Einhaltung eines Gebrauches gegen meinen Ver-