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Liberales Judentum · 1911-11-01 · Heft 11 (November 1911) · p. Seite 250

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Journal
Liberales Judentum
Volume
3 (1911)
Issue
Heft 11 (November 1911)
Date
1911-11-01
Page
Seite 250 (sequence 10)
Language
German
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250 Joseph Kauffurann: Liberale Gedanken eines Konservativen Aufgabe, für die Anerkennung eines einzigen Gottes zu kämpfen, bis einst der Tag gekommen sein wird, an dem die gesamte Menschheit erkannt hat, daß es nur einen einzigen Gott gibt. Für diesen Glauben kämpfen wir nicht durch Körperkraft, nicht mit Waffenmacht, sondern mit dem Geiste. In diesem Kampfe sind die Religionsgesetze und Gebräuche unsere Uniform und Wehr. Wer einen Kampf siegreich bestehen will, bedarf guter Wehr. Gin besser ausgerüsteter Gegner ist dem schlechter Bewaffneten gegenüber stets im Vorteil. Das trifft für beide Arten des Kampfes zu, den körperlichen, wie den geistigen. Die Legionen Täsars oder die Heeressäulen Napoleons würden wenigen modern bewaffneten und eingeübten Bataillonen nicht widerstehen können, Sokrates und Aristoteles würden glatt durch das Einjährigen - Examen fallen. Unsere Uniform und Wehr, unsere Gesetze und Gebräuche müssen daher geprüft werden, ob sie den modernen Ansprüchen und Anschauungen noch gewachsen sind, ob sie der Truppe noch die innere Sicherheit, die Siegesgewißheit zu geben imstande sind, ob das mit ihnen ausgerüstete Heer eine in sich geschlossene, wohl disziplinierte, vertrauensvoll zu seinen Führern aufblickende Masse ist. Line solche Prüfung ergibt für mich ein glatt verneinendes Resultat. Wir haben seit langen Zeiten keine Führer, die allgemeine Anerkennung finden, unser Heer ist ein anarchischer, gleichgültiger Kaufen geworden, die Uniformen sind kaum noch erkennbar, die Truppen desertieren in Scharen. Wohl gibt es noch eine Gardekompagnie, die stolz ihre hergebrachte Uniform trägt, die unentwegt ihre Hellebarden und Partisanen schultert, mit unerschütterlichem vertrauen zu den alten Fahnen aufblickt. Lhre den treuen Männern! Aber so schwer ihr Schloßdienst auch äst, als Kombattanten können sie nicht rechnen. Ihre Zahl wird von Jahrzehnt zu Jahrzehnt geringer, in ihrem Korpsgeist haben sie die Fühlung mit der großen Masse der Liniensoldaten verloren, für sie ist nur der ein Israelit, der zur Garde gehört. Aber das ganze große Heer will sich nicht mißachten lassen, will vollberechtigte Truppe sein, fordert Beachtung und Berücksichtigung. Da ist es Pflicht der Führer, eine genaue Untersuchung der Ursachen vorzunehmen und zu verbessern, was verbesserungsbedürftig ist, Ordnung und Disziplin wieder herzustellen, die Kleinmütigen und Gleichgültigen wieder zu begeistern. Ich bin zu der Ueberzeugung gekoinmen, daß eine gründliche Reform erforderlich ist, daß der Fortschritt der Bildung und Aufklärung gebieterisch fordert, auch unsere Religionsvorschriften der geistigen Entwickelung unserer Zeit anzupassen, nicht auf althergebrachtem Standpunkt zu verharren, wenn solcher mit Wissen und Erkenntnis nicht mehr vereinbar ist. Eine Reform erachte ich nicht nur für erforderlich, sondern auch für statthaft und durchführbar. Die Prüfung, ob eine Reform statthaft sei, brachte zuerst bei mir den Glauben ins Wanken, daß wir — neben der schriftlichen Lehre vom Sinai her — noch eine von Gott offenbarte mündliche Lehre haben sollten. Das wanken wurde zur Ueberzeugung^ Wenn ich gewiß glaube, daß viele unserer Vorschriften und Gebräuche uralter Ueberlieferung entstammen, wenn ich auch gern das seit Jahrtausenden von einem Geschlecht dem andern vererbte als feststehende Volksgebräuche anerkennen will, als göttliche Gebote kann ich nur das annehmen, was in der Thora festgesetzt ist, dem wir nichts abziehen, aber auch nichts hinzufügen sollten. Als göttlich muß ich 'die Thoragebote bezeichnen. In welcher Weise eine göttliche

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