Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 3 (1911)
- Issue
- Heft 11 (November 1911)
- Date
- 1911-11-01
- Page
- Seite 249 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Joseph Kauffmann: Fidrrale Gedanken eines Konservativen 249 funden wurde und der Täter nicht bekannt war, und die Anrede des Priesters an das Volk, wenn es zum Kriege auszog (5. Buch Mosis, Kap. 20). von diesen Gebeten und Formeln kommt für den heutigen Gottesdienst nur noch der Priestersegen in Betracht: „Der Herr segne Dich und behüte Dich usw." Daß dieser feierliche Priestersegen, ob er nun von den Nachkommen der Priester oder vom Vorbeter und Thore vorgetragen wird, in hebräischer Sprache gesprochen oder gesungen wird, dabei mag es sein Verbleiben haben. , Alle Gebetstücke also, die in Halacha 2 nicht ausdrücklich der heiligen Sprache Vorbehalten sind, dürfen (auch nach Ansicht der Rabbinen) in der Landessprache gebetet werden. In Halacha ( aber haben die Rabbinen eine Anzahl Gebete und Formeln, die in „jeder" Sprache gebetet werden dürfen, ausdrücklich aufgeführt. Es sind dies: Die Anrede des Priesters an die des Ehebruchs beschuldigte Frau, das Bekenntnis beim zweiten Zehnt, das Schema (Isroel), das tägliche Gebet der achtzehn Segensprüche (Schemoneh Eßreh, kurzweg Tefillah, das Gebet genannt), das Tischgebet, die Beeidigung der Zeugen und die Beeidigung wegen anvertrauter Güter, hierunter befinden sich also die wichtigsten Gebete: das Schema (Isroel) und die achtzehn Segensprüche; das sind die beiden Gebete, die zusammen, man darf fast sagen das Rückgrat des ganzen werktäglichen Gottesdienstes bilden (außer etwa am Montag und Donnerstag), und das Tischgebet. Für das Schema Isroel geht mir persönlich sogar, muß ich sagen, die Ansicht der Rabbinen zu weit. Der größte Teil desselben („Du sollst lieben den Ewigen, Deinen Gott usw.") soll allerdings in der Landessprache gebetet werden. Aber die Eingangsworte: „Höre, Israel, der Ewige, unser Gott, ist ein einziges,^ ewiges Wesen", die Lehre des reinsten Monotheismus, die einer der hohen Vorzüge des Judentums gegenüber allen anderen Religionen und auch noch gegenüber dem Lhristentum ist und die die Jahrtausende hindurch die letzten Worte des Juden in seiner Sterbestunde waren, diese Eingangsworte sollen uns in der erhabenen Einfachheit, in der sie Mose zu seinem Volke sprach, erhalten bleiben. Sie sollen entweder nur hebräisch (ein jeder lernt sie übersetzen) oder wenigstens in der Landessprache und hebräisch gesprochen werden. Das aber sieht man aus den obigen Stellen der Mischnah, daß sich unsere Bestrebungen auf Einführung der Landessprache im Gottesdienste auf die Autorität der Rabbinen selbst stützen können, und daß diese darin sogär viel weiter gingen als wir. Liberale öeäonken eines konservativen. Von Jolepk Xauffmann-VIauen i. V. ls im April $08 die liberale Vereinigung gegründet wurde, erging auch an mich die Aufforderung, derselben beizutreten. Da ich aber der Ansicht war, daß das Programm der Vereinigung nur negierend sei, positive Vorschläge in demselben nicht enthalten wären, hatte ich eine Beteiligung abgelehnt. Seitdem habe ich mich aber eingehend mit den Fragen befaßt, ob eine Reform unserer Gesetze und Gebräuche erforderlich, statthaft und möglich sei. Der Kernpunkt unserer Religion ist der Glaube an einen einzigen Gott und die Verbreitung dieses Glaubens. Israel heißt Gottesstreiter. Wir Israeliten haben die