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Liberales Judentum · 1911-11-01 · Heft 11 (November 1911) · p. Seite 248

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Liberales Judentum
Volume
3 (1911)
Issue
Heft 11 (November 1911)
Date
1911-11-01
Page
Seite 248 (sequence 8)
Language
German
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248 Kr. Mittelshöfer: Zum Gebrauch der Landessprache iw Gottesdienste jedes Differenzierungsvermögens entratend,! die integrierenden Bestandteile des Iuden- ' tums und das Akzidentellste desselben, was j mit ihnen und der allgemeinen Kultur in j gar keinem Zusammenhänge steht, die i Scholle und das Gerolle gleich achten und j mit gleicher Ehrfurcht hegen.! Die Männer der strengsten Gbseri vanz sind nichts weniger als konj fervativ, denn sie sind trotz ihrer! bona fides die Totengräber des Zudenl tums, sie entstellen seine ursprüngliche Physiognomie, so daß es nicht wieder zu erkennen ist, sie entfremden es der Gegenwart und Zukunft, führen uns in die düsteren Jahrhunderte, in die engen Gassen des Ghettos zurück. Sie vergewaltigen die Vernunft und verrammeln der Religion, die nur dann segensreich wirkt, wenn sie Leben ist, denweg ins Freie. Sie sind Scholastiker, die Sklavenketten durchs Leben tragen. Es steht geschrieben, sagen sie, mit Blindheit geschlagen. Steht denn aber nicht auch geschrieben, daß Gott den Menschen in seinem j Ebenbilde geschaffen und seinem Leib einen [ Geist mitgeteilt hat? wozu wäre aber der! Geist da, wenn er nicht in unablässiger Arbeit auf eigene Faust ringen, streben, suchen,! prüfen, fortbilden und neugestalten sollte? j Nicht einmal die heilige Schrift ist vor! seinen Untersuchungen sicher; sie muß es sich sogar gefallen lassen, daß er die übernatürliche Offenbarung als ein wundertätiges Eingreifen Gottes in die unverbrüchliche Gesetzmäßigkeit des Weltlaufes ablehnt. Der göttliche Urquell alles physischen und psychischen Geschehens kann nämlich die Gesetze, die er selbst gegeben, unmöglich überschreiten, ändern und aufheben; denn es wäre, wie Seneca sehr schön sagt, „diminutio majestatis et confessio erroris mutanda fecisse“. Gott, das unendliche U)efen, nach Willkür den innenweltlichen Kausalzusammenhang durchlöchernd, dies ist ein Gedanke, der von Widersinn zu Widersinn führt, in eine verendlichung Gottes mündet. Dem Judentum droht. die höchste Gefahr, wenn es sich mit der alten Scholastik und mit dem erdrückenden „Gesetz" als unauflöslich verbunden betrachtet. Die Gefahr kann abgewendet werden, wenn es Moritz Lazarus' Mahnung auf sich wirken läßt, die da lautet: „Dem Judentum ist es, mehr vielleicht als irgend einer anderen Religion, dem Judentum mit seiner althergebrachten Freiheit des Bekenntnisses ist es gegeben, die Harmonie der Religion mit der allgemeinen Kultur herzustellen. Fortschreitend veredelte und . vertiefte Gesinnung, fortschreitend erleuchtete Lebensauffassung ist jüdische, ist höchste und wahrhaft jüdische Tradition." Zum Gebrauche der Landessprache im Gottesdienste. Von luftizrat Dr. Wittelshöfer-5ürth. ie Mischnah führt im Traktate Sotah, Abschnitt 7, l. diejenigen Gebetstücke und religiösen Formeln auf, die in jeder Sprache, d. i. also in der Landessprache, gesprochen werden dürfen, und in der darauf folgenden halacha diejenigen, die in der heiligen, d. i. hebräischen Sprache gesprochen werden müssen. Die letzteren sind: Die Formeln beim Darbringen der Erstlinge, die bei der Thalizah, die Segnungen und die Flüche, die vom Berge Gerisim und vom Berge Ebal aus gesprochen wurden, der jDriestersegen, die Segensprüche des Hohenpriesters, die Lesestücke, die der König im Tempel zu beten hatte, die Formel, die zu sprechen war, wenn ein Erschlagener ge-

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