Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 3 (1911)
- Issue
- Heft 11 (November 1911)
- Date
- 1911-11-01
- Page
- Seite 247 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Ar. Bernhard Münz: Mer ist ein wahrhaft konservativer Jude? 247 sein muß, die nicht so sehr aus der Rraft logischen Denkens als aus dem Gefühl geschöpft sind. Und gerade weil fie gefühlsmäßig sind, so werden sie immer verschieden sein, je nach der verschiedenen Art der Gemeinschaften, aus denen in historischem Entstehen die Menschheit sich aufbaut und selbst bei der größten Verbrüderung immer sich aufbauen wird. Uns Juden ist es zu eigen, die Gottesidee stets in Verbindung mit den Anschauungen und Folgerungen und Fundamentallehren zu erfassen, die wir oben als Ouell des persönlichsten in uns genannt haben. Und da es immer so ist, daß die Träger einer Religion zu einer Gemeinschaft zusammengeschweißt werden, so muß auch in den Frömmigkeitsäußerungen die Erinnerung an die geschichtlichen Erlebnisse der Gemeinschaft zum Ausdruck kommen. All das sind Lehren und Ueberzeugungen, die sich mit dem Ideal einer natürlichen alle Menschen in gleicher Form umfassenden Religion nicht vereinen lassen, wiederum aber ist klar, daß auch die Arbeit, diese Gedanken zu verbreiten, vorzugsweise vom Liberalismus geleistet werden kann, denn nur er kann sich, bei strengster Betonung des inneren Zusammenhanges unserer Gottesidee mit den spezifisch jüdischen Lehren und mit unserem schlechthin unableitbaren Fühlen, alles Dogmatischen enthalten. Und darum wird er vor allem geeignet sein, den aus der Hoffnung auf eine allgemeine Humanitätsreligion geflossenen Indifferentismus zu besiegen. Er hat aber auch die unabweisbare Pflicht, gerade nach dieser Front energisch Stellung zu nehmen, denn es ist ja ein ewiger Schlachtruf gegen ihn, daß er aus dem Judentum heraus zu einer verwaschenen Religion führt, und nichts könnte ihm mehr schaden, als wenn er nicht stets aufs Neue den willen zu bewußtem Judentum betonen würde und auf die Wahrung des unveräußerlichen jüdischen Charakters der Religion fein Hauptaugenmerk richten würde. Wer iff ein roahrhaft Konservativer Jude? Von Dr. Bernhard ITlünz-Wien. as wahrhaft Originale gegenüber dem Heidentum, das an sich wertvolle, das ewig wahre und Gute an unserer Religion ist dasjenige, was von unserer Religion übrig bleibt, wenn der Berg von Satzungen und Zeremonien, den die halachisten und ihre späteren Epigonen und Nachbeter mit dem Aufwands aller Spitzfindigkeit und Dialektik aufgetürmt und zusammengetragen haben, abgetragen und abgebröckelt wird. Wahrhaft konservative Juden sind nur diejenigen, die die Religion mit keinem anderen Maße messen als jeden anderen geistigen Lebensinhalt, die, um den Rern, das Urwefen und. das Substantielle des Judentums, den Monotheismus und die Lehren, die sich mit zwingender Notwendigkeit aus ihm ergeben, sich an ihm auf- und emporranken, für alle Zeiten zu erhalten, all das, was das Judentum zu mumifizieren und zu versteinern droht, ausroden und beseitigen, die von den Propheten verkündeten erhabenen Grundsätze unserer Religion aus dem Wust, der um sie herumgelagert ist, ausgraben und befreien. Dann tritt der Gehalt rein und kristallklar hervor. Es ist jedoch ein arger Mißbrauch des Wortes „konservativ", wenn diejenigen sich dieses Epitheton beilegen, die mit einem einer besseren Sache würdigen Eifer an allem herkömmlichen und Ueberlieferten kleben.