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Liberales Judentum · 1911-11-01 · Heft 11 (November 1911) · p. Seite 246

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Journal
Liberales Judentum
Volume
3 (1911)
Issue
Heft 11 (November 1911)
Date
1911-11-01
Page
Seite 246 (sequence 6)
Language
German
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246 Ar. Aienrmann: Persönliche Religion und Judentum gleichgiltig geworden ist, weil ihnen die naturwissenschaftlichen Lehren der Gegenwart und moderne bibelkritische Ansichten so zur persönlichen Ueberzeugung geworden sind, daß sie mit dem Weltbild der Bibel und mit der anderen Auffassung der Bibel das Judentum im Ganzen als überlebt und unhaltbar, als ihrer persönlichen Denkart widersprechend, empfinden. Der Weg, diese Kreise wiederzugewinnen, ist gegeben. Hier muß das Bewußtsein erzeugt werden, daß Religion und Religiosität niemals mit einem bestimmten theoretischen Weltbilde zu verquicken ist, daß der Religion vielmehr die Aufgabe zufällt, aus bestimmten obersten Gesichtspunkten heraus die Erscheinungen der Gegenwart zu werten, den Dingen Wert oder Unwert zuzuschreiben. Es ist in diesem Zusammenhänge herzlich gleichgiltig, ob die einzelnen Ergebnisse der modernen Wissenschaft „gesichert" sind oder hypothetischen Charakter haben, Tatsache ist, daß die Gesamtrichtung der modernen Wissenschaft das Denken der Gebildeten erfüllt und sie beeinflußt. Hier nun der Religion ihr Recht erneut zuzuweisen, indem man ihr unvergängliches Geltungsgebiet sichert, indem man zeigt, daß sie die Macht ist, die uns die Welt deuten lehrt, das ist in hervorragender Weise Aufgabe des Liberalismus. Und es ist wiederum klar, daß hier nur er wirksam die indifferenten Kreise erobern kann, denn nur ihm kann diese Anschauung vom Wesen der Religion zu eigen sein, die keine künstlichen Kompromisse schließen mag; jede andere Denkweise wird darauf verzichten müssen, die Bibel nach ihrer inneren Wahrheit und Erhabenheit unabhängig von der Art und dem Zeitpunkt der Entstehung zu würdigen. Nur auf dem Wege dieser Gedankenrichtung wird es möglich sein, die Vielen, die aus einem falschen Denken bisher einen Gegensatz zwischen Wissenschaft und Religion empfunden haben, wieder in Zusammenhang mit der jüdischen Religion zu bringen. Aber nun begegnen uns auch solche, die allem spezifisch Jüdischen gleichgiltig ja oft feindlich gegenüberstehen, nicht weil sie dev Religion im allgemeinen fremd sich fühlen, sondern weil ihr Ideal eine jeder bestimmten Färbung entbehrende Religion ist, die so einfach und vernunftgemäß sein soll, daß sie die ganze Menschheit auf sich zu vereinen im stände ist, weil sie von sich selbst glauben, daß ihre Persönlichkeit nicht in einer bestimmten religiösen Gemeinschaft, sondern in der ganzen Menschheit wurzelte Es ist die späte Nachblüte der rationalistischen Gedankenkreise aus der Epoche der Aufklärung, die, obgleich entwicklungsgeschichtlich längst überholt, doch grade in der Mitte der Juden noch immer viele- Anhänger hat, weil ja in uns von alters her der starke Glaube an die Zeit lebt, da die Menschheit sich einen wird in der Anbetung des einen Gottes. Und so! erwächst die Irrlehre, daß es unsere, der Juden, vornehmste Aufgabe sei, unsere Religion all des Jüdischen zu entkleiden, damit sie das Idealbild einer menschheitumfassenden Religion in aller Reinheit darstelle. Aber vielleicht war es nio in neuerer Zeit so leicht, gegen diese Anschauung anzukämxfen, wie heutzutage. Liegt doch gerade hierin die stärkste Wandlung, dio unser Denken erfahren hat, der stärkste Fortschritt auch in der Erkenntnis der Natur des Religiösen, das wir im Zusammenhang mit dem Zeitbewußtsein gelernt haben, alle Religion als etwas organisch Entstandenes pilseinen geistigen Organismus mit eigener Struktur und Eigenleben zu begreifen, den man nicht einfach nach Belieben und nachlogischen Erwägungen zurechtschneiden kann; daß wir gelernt haben, daß mit der Erkenntnis des einen Gottes Religion erst anfängt,, aber nicht erschöpft ist, daß dieser Glaube an Gott von Folgerungen umrahmt

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