Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 3 (1911)
- Issue
- Heft 11 (November 1911)
- Date
- 1911-11-01
- Page
- Seite 245 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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245 Ar. Aienrwann: Persönliche Religion und Judentum Da begegnet uns zunächst die Fülle derer, bie sich ein Judentum gar nicht anders denken können, als in den Anschauungen und Lrömmigkeitsäußerungen früherer Zeiten, wie sie die Orthodoxie mit Energie zu konservieren trachtet, und die doch selbst weder den Willen noch die Kraft, noch auch nur die Neigung haben, sich diese Anschauungen und Lebensformen zu eigen zu machen. Es sind jene, die «gewohnt sind, das Judentum nur als geschichtliche Erscheinung und nicht als persönliche Religion anzusehen, die es sich. selbst nicht Zutrauen, daß ihre persönliche liberale Anschauung eine.rechtmäßige sein kann, eine, der innerhalb des Judentums Berechtigung gebührt. Wir machen tagtäglich die Wahrnehmung, daß unter den Vielen, die einer liberalen religiösen Anschauung huldigen, eine beträchtliche Menge ist, die des festen Glaubens sind, daß sie mit ihrer Anschauung bereits angefangen haben, sich selbst außerhalb des Judentums zu stellen; nun schreiben sie sich zwar selbst in praxi das Recht zu, zu leben, wie sie wollen, aber sie empfinden ihre Denk- und Lebensweise als nicht mehr jüdisch und sich selbst bei noch so innerlich frommer Gesinnung als vom jüdischen Standpunkt aus unfromm. Sie erkennen «im Grunde den Lehrsatz der Drthoroxie an, daß ein ganzer Jude nur der ist, der sich dem gesamten Schulchan Aruch unterwirft, und da sie. nicht die positive Folgerung der Unterwerfung ziehen mögen, so betrachten sie sich innerlich als kaum mehr zugehörig. Zählen sie zu jenen, die sich als jüdisch-national fühlen, dann ist ein Moment da, das ihnen vor sich 'selbst das Recht der Zugehörigkeit zur Zudenheit gibt. Aber zählen sie, wie wir, zu jenen, denen im Judentum das Religiöse die Hauptsache ist, dann ist die innerliche Entfremdung gegeben. Und wenn es uns nicht die tägliche Beobachtung sagen würde, so müßte es uns schon theoretisch klar sein, daß all diesen, selbst wenn sie aus Gründen des Anstands, der Konvention, der j)ietät dem Verband des Judentums treu bleiben, das Judentum keine solche innere Macht ist, daß sie es der Ueberlieferung auf ihre Kinder würdig erachten, daß sie, wenn auch nicht direkt zum Abfall, so doch auch nicht zur Treue erziehen. Allen diesen die Ueberzeugung einzuimpfen, daß man sich mit einer liberalen Anschauung nicht außerhalb des Judentums stellt, daß im Judentum wie in jeder geistigen WAt die liberale Anschauung mindestens dasselbe Recht hat, wie die konservative, das ist die vornehmste Aufgabe des „Liberalen Judentums". Und man täusche sich nur nicht über den Umfang der Arbeit, die hierzu leisten ist. Wer Umfrage halten wollte, der würde staunen über die Menge derer, die so von dem unveränderlichen Zusammenhang des Judentums mit konservativer Weltanschauung überzeugt sind, daß sie ihre persönliche liberale Stellungnahme als kaum mehr mit dem Judentum verträglich empfinden. Und es leuchtet auf den ersten Blick ein, daß diese Arbeit der Sammlung nur vom Liberalismus geleistet werden kann, daß nur er, einzig schon dadurch, daß er sein eigenes Recht aufstellt, jene Kreise wieder in Zusammenhang mit dem Judentum bringen kann, den unheilvollen Zwiespalt, der sie in ihrer eigenen Seele zerreißt und sie Judentum und persönliche Religion als Gegensätze empfinden läßt, zum Schwinden bringen kann. Er allein ist imstande, jene, die nicht orthodox sein können aus Gründen der inneren Wahrhaftigkeit, im Judentum zu erhalten, und nicht bloß notdürftig zu erhalten, sondern mit dem Vollgefühl jüdischen Selbstbewußtseins und damit zugleich mit dem Verantwortungsgefühl gegenüber der Gesamtheit und den Kommenden zu erfüllen. Zu den hier Geschilderten treten jene, deren Zndifferentismus wissenschaftlichen Gründen entspringt, denen das Judentum