Mannheim
Compact Memory

Liberales Judentum · 1911-11-01 · Heft 11 (November 1911) · p. Seite 244

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Liberales Judentum
Volume
3 (1911)
Issue
Heft 11 (November 1911)
Date
1911-11-01
Page
Seite 244 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3126481-3126513-3126524--0970-3127793
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

244 Ar. Drenernann: Persönliche Religion und Judentum darin den Sinn des wertes von der Gottesebenbildlichkeit des Menschen finden, und daß sie darum, wenn sie wahrhaftig sind, niemals in Anschauungskreise hineingeraten können, die von der Erbsünde und der durch sie veranlaßten ewigen Verdammnis des Menschen ausgehen; daß sie einen Mittler zwischen Gott und sich verwerfen müssen, und sei er selbst kein Gott sondern ein noch so edler Mensch; daß sie in ihrem Innersten getragen sind von der Hoffnung auf eine immer fortschreitende Sittlichwerdung der Menschheit, die in kommenden Tagen zu einer immer größeren vollkonunenheit sich steigern wird, an der die Menschheit als ihr eigener Erlöser arbeitet; daß ihnen keine Differenz erscheint zwischen Gerechtigkeit und Liebe, sondern daß ihnen getreu dem alten lvorte „Zedakah" Gerechtigkeit und Liebe aus einer lvurzel aufsprießen und in eins zusammenfließen. All das und noch so manches andre wird man immer und immer wieder zu zeigen haben, damit das Bewußtsein sich fesügt, daß das Judentum von seiner Geltung nichts eingebüßt hat und uns heute, genau so wie vor Jahrhunderten unseren Vätern, Ausdruck unserer innersten Ueberzeugung ist; damit alle erkennen, daß, soweit die Religion an der Ausbildung der Persönlichkeit beteiligt ist, ihr persönlichstes im Judentum verankert ist, und daß das alles nicht eine leere!allgemeine Religion ist, sondern etwas bewußt Jüdisches, das uns mit den lebenden Zeitgenossen unauflöslich zusammenschweißt und mit den iAhnen als den früheren Trägern derselben Anschauungen verbindet; und daß man darum mit Bewußtsein Jude ist. So steht neben der persönlichen Freiheit, dem Urelement alles Liberalismus, sofort die Bindung. Denn mögen wir unseren Individualismus und Subjektivismus noch so sehr betonen, wir denken gar nicht daran, ihn zu überspannen, ihm darf die Bindung nicht fehlen, freilich keine autoritative von außen her, sondern die freie selbstgewählte, die hier gegeben ist durch das bewußte Sicheinordnen in eine Gemeinschaft gemeinsamen Fühlens und gemeinsamen wertens. So erfaßt, in dieser in einem steten Ringe,: immer aufs Neue zu findenden Verbindung von persönlichem und Gemeinsamem, ist es in der Tat erst möglich, daß das Judentum die Lebensmacht für uns ist und bleibt. Freilich gilt es hier immer aufs Neue, aus eigener Kraft den lveg zu finden, aber ist das erreicht, dann dürfen wir sagen, daß wir die religiös fruchtbarste Tendenz der Zeit in uns Hineingenom,nen haben, und sichern dem Judentum Erhaltung und lverbekraft.!vas hier soeben ausgeführt worden ist, das war die Umschreibung derjenigen Aufgabe des religiösen Liberalismus, die aus den Richtungslinien des Seelenlebens der kommenden Jahre, soweit sie sich aus den Erscheinungen der Gegenwart ahnen und erkennen lassen, geschöpft sind. Es sind Momente, in denen der Liberalismus aktiv und positiv, vorwärts gewandt die Tendenzen der Zeit zu Gunsten des Judentums verwertet. Heißt das nun schon zuin guten Teil den Kampf gegen den Indifferentismus, den Erbfeind, aufnehmen, so ist das doch nur ein Teil dieses Kampfes. Ihn in feiner ganzen Ausdehnung zu führen und zu erkennen, welche Aufgaben hierbei dem religiösen Liberalismus zufallen, dazu muß man immer wieder auf die Gründe der gegen alle Religion zu Tage getretenen Gleichgiltigkeit zurückgehen. Sie alle zu nennen, das würde hier zu weit führen; nur von jenen sei heut die Rede, bei denen dem religiösen Liberalismus als dem Vorkämpfer für persönliche Religion die Aufgabe zufällt, rückwärts gewandt, Irrtümer zu bekämpfen, die einen großen Teil unserer Gemeinschaft dem Judentum und seinen Zielen entfremdet haben.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.