Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 3 (1911)
- Issue
- Heft 11 (November 1911)
- Date
- 1911-11-01
- Page
- Seite 243 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Ar. Aienrmann: Persönliche Ueligisn und Judentum 243 Nun aber macht sich diese Richtungslinie auf eine Steigerung des persönlichen Gefühls bei allem religiösen handeln inmitten unserer Zeit in .immer steigendem Maße bemerkbar. Sie ist geradezu die herrschende Dominante in den religiösen Erscheinungen der Jetztzeit. Selbst die Neuorthodoxie konnte sich ja dieser allgemeinen Disposition unserer Zeit nicht entziehen und drang und drängt auf immer stärkere innere Beseelung des religiösen Brauches, wir aber, die wir im Gegensatz zur Orthodoxie die Bindung von außen her ablehnen und ganz aus uns alle Verpflichtungsgründe schöpfen, wir können grad um unsrer liberalen Haltung willen diese Richtung der Zeit in vollstem Maße erfassen und verwerten. was wir erblicken, wenn >wir aufinerksamen Auges in unsre Welt schauen, was wir ahnen, wenn wir tastend die Wahrzeichen des Rommenden zu entdecken trachten, das ist das, daß all die Lebensverhältnisse der Gegenwart uns seelisch zur höchsten Anspannung unserer inneren Kräfte und zur persönlichsten Auswirkung dieser Kräfte treiben, und wie sich das wirtschaftlich jedem täglich bis zum Uebermaß aufdrängt, so sieht es, wer sehen will, deutlich in den über das wirtschaftliche sich hinaushebenden mannigfachen ja unendlichen Regungen des Geisteslebens. Zn Kunst, in Dichtung und am allerstärksten im Religiösen ist das die Richtung der Zeit, das Bewüßfein der Persönlichkeit zu steigern, das Hochgefühl nicht in dem Zinne der Souveränität des einzelnen Willens, sondern in dem Zinne der Erweckung der edleren, der aristokratischen Gefühle und damit einer Steigerung der persönlichen würde und Verantwortung. Diese Tendenzen gilt es in uns hineinzunehmen, sie sind so stark und so fortreißend, daß sie die Zeitgenossen und die Kommenden ergreifen werden, bb man will oder nicht. Und fügen wir sie nicht -zu rechter Zeit .in das Gesamtbild der jüdischen Weltanschauung ein, dann begehen wir einen Fehler, den wir nur mit unendlichen Verlusten wieder gutmachen können, dann tritt das Traurige ein, daß alle möglichen Aeußerungen des Geistes an Ztelle der Religion Macht über die Menschen gewinnen, dann wird die Religion ins Hintertreffen gedrängt, und muß sich, wie jetzt, abmühen, Festungen zu erobern, die sie von Anfang an nicht hätte zu verlieren brauchen. Darum sei es hier mit aller Schärfe gesagt, was wir „Liberales Zudentum" nennen, das sei die Erfüllung der Sehnsucht, die heut so unendlich Viele bewegt, die Sammlung aller derer, die nach persönlicher Religion sich sehnen, die fromm sind und fromm sein wollen aus einem tiefen Bedürfnis ihres Herzens, die eine Steigerung des Religiösen als ein Glück, als das höchste Glück für sich selbst empfinden. Dieses liberale Judentum hat nichts zu tun mit dem Kaufen derer, die von ihrem Bequemlichkeitsstandpunkt zum Negieren getrieben werden, die dem religiösen Symbol abhold sind, weil es ihnen nicht schön genug ist, oder sie in ihrer Bewegungsfreiheit hindert. worauf wir nun sehen müssen, das ist daß ihnen diese persönliche Religion zum Judentum wird, daß sie, gerade weil sie den wert und das Recht ihrer Persönlichkeit bis zum Größtmöglichen zu steigern bemüht sind, erkennen, wie ihre als persönlich empfundene Religion in der jüdischen Weltanschauung wurzelt. Naturgemäß, daß da in erster Reihe die großen fundamentalen Lehren des Judentums in den Vordergrund treten. Zeigen muß man den breiten Massen, daß sie wenn sie noch so persönlich denken, doch alle Dinge der Welt aus denselben spezifisch jüdisch - religiösen Gesichtspunkten werten; daß sie z. B. das Sittliche als den.obersten wert in der Welt „ erkennen, daß sie den Menschen als von Natur gut empfinden und