Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 3 (1911)
- Issue
- Heft 11 (November 1911)
- Date
- 1911-11-01
- Page
- Seite 242 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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242 O O o Q Ar. Arenemarm: Persönliche Religion und Judentum in schrankenloser Willkür handelt und handeln darf. Nichts wäre falscher.als das! Weit entfernt sind wir heut von dem Glauben, daß die Bildung unserer religiösen Anschauung und die Wertung, die wir auf Grund dieser Anschauung den Dingen in der Welt geben, ein Zufallsprodukt der einzelnen Persönlichkeit ist. Immer klarer werden uns die weitreichenden und tiefverzweigten Zusammhänge, die die einzelnen Glieder einer Gemeinschaft in ihrem Seelenleben, ihnen oft selbst unbewußt, miteinander und mit dem Fühlen vergangener Geschlechter verknüpfen. Und so ist es uns deutlicher als vielleicht manchen der früheren Generationen, daß persönliche Religion nichts mit Willkür und schrankenlosem Subjektivismus zu tun hat. Wie aber kann man has Wort positiv dem Verständnis näher bringen? Etwas das so in tausenden und abertausenden von verschiedenen Menschen wurzelt, was so in unendlich vielen Verzweigungen auseinanderstrebt, läßt sich nicht mit einem dürren Wort abtun, da kann das Wort überhaupt nur leise an der Peripherie tasten, da kann man im Leser nur eine Taste anschlagen, und die Melodie klingt dann in jedem fort und in jedem ein wenig anders. Was aber als das Gemeinsame sich herausschälen läßt, das ist etwa Folgendes: persönliche Religon ist diejenige Anschauung, die es ablehnt, sich gängeln zu lassen, die den Menschen so ganz auf sich selbst und seine unzerstörbare sittliche Kraft stellt, daß er in den Mitteln, durch die er nach einem von sittlichen Idealen erfüllten und in bewußt sittlicher Tat sich auswirkenden Leben strebt, jegliche Bevormundung ablehnt Md da ganz aus sich selbst schöpfen will; daß er den Ausdruck seines religiösen Gefühls sich nicht vorschreiben lassen will, daß er ängstlich dabor zittert, es könnte eine Form der religiösen Betätigung zur Konvention, zum konventionellen und darum unpersönlichen Schema herabsinken; daß das Gefühl der inneren Wahrhaftigkeit dazu zwingt, zu prüfen, ob eine vorhandene Form nicht in Wort oder Tat mit der persönlichen Ueberzeugung in Widerspruch steht. Das ist das Entscheidende. Da ist nichts von Willkür und Schrankenlosigkeit, da ist auch nichts von der Ueberheblichkeit des Individuums, da ist vor allem nicht ein Mangel an Religion sondern vielmehr eine Sehnsucht nach mehr Religion. persönliche Religion, das ist die Stimmung, die es als zu bequem ansieht, wenn dem Menschen für sein Tun stets der Weg geebnet und gebahnt ist, die als sittlich nur empfindet, was, selbst auf die Gefahr einer gelegentlichen Verirrung hin, aus der Kraft und der Sehnsucht der eigenen Seele geschöpft ist. Wer wollte leugnen, daß solche Tendenzen seit alters in unserer religiösen Anschauungswelt im Keime.schon lagen? Man tue sich nur einmal um und schaue, wie wenig in unserer Mitte von der Gnade geredet wird. Und so gewiß es ist, daß man in den Momenten hochgespannten religiösen Gefühls, wenn man in tiefer Ehrfurcht aus seinermenschlichen Unvollkommenheit seine Stellung sucht zu dem die Welt erfüllenden Gottesgeist, die Empfindung hat — bald stärker bald minder stark — daß auch unsere Kraft zum frommen handeln, ein Geschenk Gottes ist, für das man dankbar ist, wie wenig wird davon geredet! Selten, daß man einmal ein Wort davon findet, kaum daß gelegentlich ein solcher Ton in einem Gebet angeschlagen wird; es ist, wie wenn eine zarte Keuschheit uns davon zurückhielte, wie wenn es «würdiger sei, den Menschen immer auf sich zu stellen und an sein Verantwortungsgefühl zu appellieren. Diese seit alters bestehende Neigung zum persönlichen, sie erfährt und erfuhr bei vielen unter uns eine Steigerung nach der Richtung hin, daß viele in den althergebrachten Formen der Religion etwas dem persönlichen Gefühl Fremdes, Konventionelles empfanden.