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Liberales Judentum · 1911-10-01 · Heft 10 (Oktober 1911) · p. Seite 236

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Liberales Judentum
Volume
3 (1911)
Issue
Heft 10 (Oktober 1911)
Date
1911-10-01
Page
Seite 236 (sequence 20)
Language
German
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236 Ar. Ernst HrUkorn: Ewige und vergängliche Werte iur Judentum merlich ernährt, ein neues eigenartiges Dasein zu gewinnen, das die überkommene Ligenart fortsetzte und doch nicht Saft und Kraft genug hatte und erringen konnte, um alle die Blüten und Früchte des ulten Stammes hervorzubringen. 3onas: Nach Deiner Betrachtungsweise müßte also doch das Judentum untergegangen oder kurz über lang dem Untergang geweiht sein. Lrnst: Ls besteht ewig. Solange es noch Männer gibt, die mit der Kraft des Armes oder mit den Waffen des Geistes für das Judentum eintreten als für ihre höchste Ueberzeugung, die das Selbstbewußtsein inneren Wertes der Mißachtung einer ganzen Welt entgegensetzen, um sich die gebührende Stellung zu erkämpfen, die stolz sind, Juden zu sein und Juden zu heißen. Solange es noch jüdische Gebärerinnen gibt, die des jüdischen Gemütes teilhaftig sind und es als eine würdige Aufgabe ansehen, ihre Ligenart den Kindern zu übertragen. Dann trägt der neue Schößling seine Blüten und seine Früchte. Und ob die Blüten gleich nicht den nämlichen Duft entströmen, die Früchte nicht denselben Geschmack aufweisen, die Würze des alten Stammes und ein guter Teil des Saftes lebt noch fort. Alexander: Worauf soll sich nun aber der Stolz gründen, von dem Du sprachst, wenn es weder eine Formel der jüdischen Religion geben soll, vor der sich die anderen Religionen zu beugen hätten, noch die Andersgläubigen gewillt scheinen, uns ihre Achtung zu erweisen. L r n st: Auf Deine Abstammung, auf Deine Lltern und Voreltern. Wer nicht auf seine Vorfahren stolz ist — trotz aller Unterdrückung, die auf den älteren Geschlechtern lastete — der ist kein Jude. Zwei Bildwerke stehen in einem Dome einander gegenüber. Das Weib, das die christliche Kirche verkörpert, blickt kühn und gebieterisch auf die Welt, den wohlgearbeiteten, geraden Stab zur Stütze. Dagegen steht das Weib, dem die Verbildlichung der Synagoge anvertraut ist, in sich versunken, und ihr gekrümmter Stecken scheint nur zum Vorwärtstasten geeignet. So gilt es denn, das Auge zu erheben, auf daß die Anderen hineinsehen und deren Seele und deren Selbstbewußtsein erkennen können. Laßt den Jeremias, folgt dem Zesaias! Alexander: Und woher die Kraft gewinnen? Lrnst: Die Kraft ist da. Der Geist ist erwacht aus Jahrhunderte langer Abgeschlossenheit und darf in weiten Kreisen seine Bahnen ziehen, und auch der Körper ist gestählt. Nur die Begeisterung tut not. Jonas: Und wer soll die Begeisterung erzeugen? Lrnst: Die jüdische Frau. Alexander: Und was erhoffst Du Dir von dieser Begeisterung und Kraftentfaltung? Lrnst: Die Gleichberechtigung. Nicht von solcher nach dem Worte des Gesetzes, die uns ja in den wichtigsten Angelegenheiten zu Teil wurde, sondern die wahre Gleichberechtigung, die auf der Achtung vor uns selbst und auf der Achtung aller redlich denkenden Mitbürger aufgebaut ist und in dem Leben des Tages zum Ausdruck kommt. Helene: Lin hohes Ziel. Nun sage uns aber auch den Weg. Lrnst: Ls gibt keinen Weg. Helene: So wäre das alles nichts als Worte, das Ganze nur ein schöner Traum? Lrnst: Lin jeder muß sich seinen Weg bahnen. Der alte Kampf hat niemals aufgehört. Aber es ist nicht mehr allein der große Streit, der in der Masse auf und nieder wogt. Den Hauptteil des Widerstreits muß jeder auf seine Weise austragen.

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