Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 3 (1911)
- Issue
- Heft 10 (Oktober 1911)
- Date
- 1911-10-01
- Page
- Seite 235 (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
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Ar. Ernst Seildorn : Ewige und vergängliche Werte im Judentum 235 Helene: Aber ist denn diese Zweiheits- Vorstellung so falsch? Stecken denn nicht im kraftvoll entwickelten Menschen einander widersprechende Triebe? Lrnst: Sie leben im Menschen, und man soll sie in seinem Inneren austoben lassen. Der Mensch trägt Blitz und Donner in sich. Der eine wird von dem Gewitter in seinem Busen verheert, der andere geklärt. Aber der Mensch soll nicht feige sein, von der fremden Gewalt des Bösen sprechen und um Hilfe rufen. Alexander: wir werden es dem Thriftentume nicht absxrechen können, daß es viel aufgebaut hat. Ernst: Hat denn das Thriftentum nur aufgebaut? Hat es nicht mit gleicher Rraft auch lebens- und entwickelungsfähige Reime zerstört? Die germanische Religion wäre ebenso entwicklungsfähig gewesen, wie die griechische. Der Eifer derjenigen christlichen Priester, die es vorzogen, sich zum Fürsprecher vereinzelter roher Volksäußerungen zu machen, statt versöhnend und aufklärend zu wirken, hat die niederen Leidenschaften der Menge und der Fürsten aufgerufen, um die im Mittelalter beginnende Blüte einer jüdischen Rultur auf deutschem Boden im Reime zu ersticken. Die Rultur ist nicht ausschließlich einer fortgesetzten segensreichen Einwirkung des Thristentums, sondern zu einem beträchtlichen Teile der unaufhaltsamen, fortschreitenden Entwickelung der Anlagen und Bestrebungen aller Völker zu danken, der gegenseitigen Erkennung und Befruchtung der Rulturvölker, die noch lange nicht ihre höchste Stufe erreicht hat. Jonas: Und wenn Du von einer Rultur der Menschheit sprichst, willst Du dann nicht den Gedanken vertreten, daß die Juden in der ganzen Welt verstreut wurden, um einer ihnen von der Vorsehung gestellten Aufgabe zu dienen und das Licht unter den Völkern zu verbreiten? Ernst: Nein. Helene: Rehren wir doch zu dem Ausgangspunkt zurück. Wenn es richtig ist, daß das Judentum mit den Eigentümlichkeiten des jüdischen Volkes verwachsen sei, so muß die Frage aufgeworfen werden: Ist das jüdische Volk noch vorhanden oder ist mit diesem Volk das Judentum untergegangen? Ernst: Das jüdische Volk ist nicht mehr vorhanden, aber das Judentum ist nicht untergegangen. Jonas: Damit wirfst Du ja alles über den Haufen, was Du vorher gesagt hast. Ernst: Das jüdische Volk des alten Bundes ist nicht mehr vorhanden. Es hat zweifachen Untergang erlitten: Die Vermischung mit den fremden Völkern läßt es ungewiß erscheinen, wieviel von dem alten Stammeln seiner ursprünglichen Rlarheit übrig geblieben ist, und ein Volk ohne Land, ist wieeine Menge Wasser ohne Gefäß. Helene: was ist es dann mit den Juden des Mittelalters und mit den heutigen Juden? Ernst: Das jüdische Volk ist ein Garten, der vom Sturmwind zerstört ist. Seine entwurzelten Bäume und Sträucher sind zerstreut und fortgetragen. Aber sie haben neuewurzeln geschlagen, und sie leben fort in der Gestalt, die ihnen je nach der Rraft oder Schwäche ihrer persönlichen Eigenart die- Rultur oder Unkultur ihrer neuen Heimat gegeben hat. Jonas: wie soll es denn mit dem Judentum dieser Juden stehen. Ernst: Es gibt kein allgemeines Judentum mehr. Es gibt nur noch deutsches, russisches, englisches Judentum und so fort. Entweder war die Rultur der neuen Heimat so machtvoll und den Juden so zugänglich, daß sie sich in den jüdischen Bürgern mit dem dorthin getragenenn Judentum zu einer neuen Einheit verschmolz, oder es begann der Sprößling auf dem neuen Boden, nur küm-