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Liberales Judentum · 1911-10-01 · Heft 10 (Oktober 1911) · p. Seite 234

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Journal
Liberales Judentum
Volume
3 (1911)
Issue
Heft 10 (Oktober 1911)
Date
1911-10-01
Page
Seite 234 (sequence 18)
Language
German
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234 Nr. Ernst Heilborn: Ewige und Vergängliche Merle im Judentum zu finden, um so bedeutender und größer, weil es gilt, das Erhabene von dem Niedrigen, das Ewige von dem Vergänglichen zu sondern. Damit sind auch die ewigen und die vergänglichen Werte im Judentum erkennbar gemacht, wenn Ihr an den Kamps denkt, den ich'vorhin schilderte. Alexander: Deine Worte sind mir rätselhaft. Ernst: Der Philosoph gleicht der Frau. Er liebt es, erraten zu sein. Ls e lene: Ich wünsche vor allem Entschiedenheit und Klarheit. Worin soll der ewige Wert des Judentums liegen? Ernst: Das Judentum unterscheidet sich von den anderen Religionen, indem es den ganzen Empfindungskreis des jüdischen Volkes, wie es einst bestanden hat, widerspiegelt. Der Kamps, der iit dem Einzelnen und in der großen Masse tobte, kommt darin zum Ausdruck. Die „Lehrbücher" und die Propheten, die Sprüche Salomos und das hohe Lied sind die wichtigsten „Geschichtsbücher" der jüdischen Religion. Immer wieder finden sich Männer, die das Volk aus der Neigung zu verflachender Sinnlichkeit emporreißen und das verglimmende Feuer der reinen Lehre zu lodernder Glut zu entfachen wissen. Lselene: Muß man es nicht gerade als das Verdienst des Lhristentumes ansehen, daß es sich von dem beschränkten menschlichen Gebiet, dem Völkischen, losgelöst hat? Ernst: Das Christentum und das Judentum haben jedes für sich ihre Verdienste um die Menschheit. Sie können nebeneinander bestehen, ohne daß der Wert der einen dieser Religionen verkleinert zu werden braucht. Das Christentum ist daraus angelegt, für seine Verbreitung zu sorgen, zu erobern. LS mußte Fragen aufwerfen, die vom jüdischen Standpunkte aus in gleicher Weise beantwortet werden konnten, zu denen aber die Gelegenheit fehlte. Das Licht des einen und einzigen Gottes mußte allen lebenden Wesen leuchten, aber es konnte nur auf die einwirken, nur denen Helsen, die es sahen. Die Tochter des fremden Volkes Ruth wird in die jüdische Gemeinschaft ausgenommen, nicht, weil sie einen Juden geheiratet, sondern, weil sie das jüdische Gemüt in sich ausgenommen hat. Das Buch Ruth ist eins der wichtigsten Lehrbücher der jüdischen Religion. Aber die Gefahr von den fremden Völkern herabgezogen zuwerden, erschien den Verteidigern des jüdischen Glaubens zu gegenwärtig, zu gewaltig, als daß sie einer Berührung mit diesen Völkern das Wort geredet hätten. Alexander: Und der Erfolg bei der Masse? Ernst: Das menschliche Vorbild, das in Christus ausgestellt war, ist verständlicher als die reine Gottesidee, die ohne Zusammenhang mit dem Irdischen ersaßt werden soll. Der Lrlösungsgedanke und die Vorstellung der Erbsünde sind bequeme Vorstellungen für den „sündigen Menschen". Christus meinte es ernst mit seiner Nächstenliebe, die über alle menschlichen Leidenschaften und den menschlichen Dünkel erhaben ist und weder den blinden Lsaß noch die bedingungslose Verdammung kennt. Seine Bekenner haben es leicht, mit diesen Gedanken zu prunken. Aber kommt es denn auf den Erfolg an? Die Vergöttlichung Christi empfinden wir Juden als Rückschritt. Der Glaube an den Erlöser kann den Menschen Trost bringen, aber auch ihr Gewissen einschläsern. Die Vorstellung des Bösen als selbständiger Macht mußte dazu führen, ihm xine persönliche Gestalt zu verleihen, also den alten Teufels- und Hexengedanken, der in den Schriften des alten Bundes nur eine untergeordnete Rolle spielte, neu zu beleben, und so die Menschen viele Jahrhunderte lang zu verwirren.

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