Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 3 (1911)
- Issue
- Heft 10 (Oktober 1911)
- Date
- 1911-10-01
- Page
- Seite 233 (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
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Ar. Ernst Heilborn: Ewige und vergängliche Werte im Judentum 233 Alexander: „Weltanschauung". Das klang doch so erhaben. Ich dachte zuerst, daß Du die Betrachtung vom rein Menschlichen abführen will. Ernst: Im Gegenteil! Die „Anschauung" verweist uns auf das Sehen, die Sinnesorgane, die Betrachtungsmöglichkeiten des Menschen. Nur soll sie das Umfassende bedeuten, den Versuch eines Gesamtbildes. Mit der fortschreitenden Erkenntnis der Natur und der menschlichen Zusammenhänge muß sich also die Weltanschauung der großen Gemeinschaften verändern, selbst gegen ihren Willen, und die Weltanschauung des Einzelnen steht zudem noch unter dem Einflüsse der Erfahrungen und seelischen Erlebnisse, die das menschliche Leben mit sich bringt. Alexander: Worin soll nun die Besonderheit des Judentums liegen? Ernst: Solange das jüdische Volk als Ganzes bestand, das Judentum also das Idealbild einer einheitlichen Menschengruppe darstellte, war die Gestaltung dieses Bildes allen menschlichen Rümpfen unterworfen, die Geist und Gemüt zu bestehen haben: dem Gegensatz zwischen der kindlichen, gedankenlosen Freude am Naturgefühl, die die Unterordnung unter die Natur mit sich bringt, und dem Trachten nach Erkenntnis einer höheren Ordnung der Dinge, dem Rampf zwischen der Einklammerung an die Uebungsformen der Religion und^der Erfassung ihres nicht greifbaren Inhalts, dem Gegensatz zwischen dem Streben nach Reichtum und Macht und der pflege der inneren seelischen Schönheit, dem Rampf zwischen der sittlichen Genügsamkeit, die sich am bestimmt formulierte Sittengesetze anpaßt, und der aus dem Inneren geschöpften Sittlichkeit, die das Wagnis unternimmt, sich selbst die Gesetze zu geben, dem Gegensatz zwischen der Sinnesrichtung, die ihr Augenmerk nur dem Nächstliegenden widmet und darin etwas leisten will und den: unerbittlichen Wahrheitsdrange, der nirgends bfalt machen kann, dazu noch dem Auf und Ab des j?ochens auf die menschliche Rtaft und der Ueberzeugung ihrer Hinfälligkeit, dem Widerstreit zwischen Begeisterung und Furcht, dem Gegensatz zwischen dem Vertrauen zu Gott als dem bsilfe - Gewährenden und dem Suchen nach Gott als der Verkörperung des höchsten sittlichen Prinzips, dem Zwiespalt zwischen der Freude an der Blüte des Judentums als dem geistigen Sammelpunkte einer auserlesenen Gemeinschaft und dem Gedanken einer Vervollkommnung der ganzen Menschheit. Wer will einen dieser Triebe, eines dieser Ziele verdammen, um den entgegengesetzten Trieb, das widersprechende Ziel als das allein anerkennenswerte zu preisen? Jonas: hättest Du schon eher eine j)ause gemacht, so hätte ich Dir bei den ersten Worten gesagt, daß Du Dich wiederum mit den Gedanken der Offenbarung in Widerspruch setzest. Alexander: Ich sehe bisher jedenfalls noch keinen Nebergang zu dem Rerne unserer Religion. Helene: Vielleicht ist es seine Absicht, die Religion zu vermenschlichen. Ernst: Zu vermenschlichen? Gewiß! Doch soll das etwa heißen, sie von der erhabenen Höhe herunter reißen? Ist denn der Aampf im Menschen selbst etwas so Gemeines, Entwürdigendes? Ist nicht gerade dieses Ringen etwas Erhebendes? Ist nicht gerade in den Zweifelswehen immer ein Gedanken geboren worden, der die Menschheit weiter geführt hat? Und sogar aus dem Rampfe der Menschen unter einander sind große Werke hervorgegangen. Jonas: Es sind aber auch große Werke dabei untergegangen. Ernst: In jeder Religion sind Erhabenes und Niedriges mit einander vermischt oder wenigstens neben einander eingebettet. Darum ist die Aufgabe, den Rern der Religion