Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 3 (1911)
- Issue
- Heft 10 (Oktober 1911)
- Date
- 1911-10-01
- Page
- Seite 231 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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231 Emil Cahn: Schaffet liberale Jugendverrine 5ckaüet liberale Jugenävereine Von Lmil (akn-lllüncken. n Heft 8 stellt Herr Dr. Linstein-Landau als Richtschnur den Latz auf: Die liberale Vereinigung will das Judentum befestigen, ihm neue Kräfte zuführen. Im gleichen Heft ist eine Abhandlung über liberale Iugendvereine!! von Bernhard Breslauer. Die These des ersten Latzes kann am besten erfüllt werden durch die konsequente Durchführung der im Breslauschen Artikel ausgeführten Gedanken! Im politischen Leben hat man längst erkannt, daß nur durch die Lchulung der Jugend die Zukunft gewonnen werden kann. Unsere studentische Jugend nennt man die Zukunft der Nation! Und unser kaufmännischer Jüdischer Nachwuchs!! wenn man, wie ich, Gelegenheit hat, in einem großen Teil Deutschlands mit jungen Kaufleuten zusammenzukommen, so muß man staunen, wie wenig Trieb zum Lelbststudium vorhanden ist; eine stumpfe Gleichgültigkeit herrscht gegen wissenschaftliche und wirtschaftliche wie auch gegen religiöse Fragen. Die jungen Herren, die kaum eine Ahnung haben von der Bibel, urteilen über die schwersten Probleme, als ob sie Ltudien über all diese Dinge gemacht hätten! Natürlich ist bei ihnen der Latz: Religion ist Privatsache in dem Linn gemeint: wir brauchen überhaupt keine Religion! Auch bei einem großen Teil der akademischen Jugend ist die absolute Gleichgültigkeit in religiösen Dingen kaum geringer. Hier muß die liberale Vereinigung einfetzen! Der Orthodoxie kann es gleichgütig sein; denn sie hat ihre Jugend teilweise selbst organisiert in Iugendvereinen; dann aber wollen wir ihre Jugend-ja gar nicht in unseren liberalen Vereinen, da wir. ja niemand unsere Ueberzeugung aufdrängen wollen. Aber unsere Jugend mußlernnen,Interesse zub ekommenanallen diejüdischelV eltberühr endenFragen! In die bestehenden orthodoxen oder zionistischen Iugendvereine aber gehen unsere jungen Herren nicht. Loll man all die vielen Hunderte jüdische junge Leute, die weder orthodox noch zionistisch sind, sich selbst überlassen? Es wird eine schwere Arbeit sein, unsre teilweise blasierte, gleichgiltige Jugend zur systematischen Teilnahme an jüdischen Dingen heranzuziehen, aber wer das Judentum lieb hat, wer nicht will, daß unsre jüdische Jugend aus Gleichgiltigkeit sich nicht nur nicht um das Judentum kümmert, sondern sich ihm ganz entfremdet, der möge Nachdenken, welche Rlittel man anwenden muß, um die Heranwachsende Generation dem Judentum zu erhalten! Liberale Iugendvereine sind um der Erhaltung des Gesamtjudentums in Deutschland willen ein gebieterisches Erfordernis, die Orthodoxie kann bei ihrem krassen Standpunkt des „Alles oder Nichts" unmöglich einen Einfluß auf die große Mehrheit der jüdischen Jugend ausüben, denn schon die Lebensbedingungen machen es dem größten Teil derselben unmöglich, das „Alles" konsequent durchzuführen und so meine ich, dem Judentum ist viel mehr damit geholfen, wenn man in die Jugend einen. Funken der „Gottesidee" und des jüdisch-geschichtlichen Lelbstbewußtseins wieder hineinbringt. Dem Zionismus will ich unbedingt gern das Verdienst einräumen, einen Teil der Jugend an ihr Judentum erinnert zu haben; aber wir wollen kein Judentum, dem die Religion „Privatsache" ist. Uns ist das Judentum nur als „Religion" wertvoll und existenzberechtigt.