Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 3 (1911)
- Issue
- Heft 10 (Oktober 1911)
- Date
- 1911-10-01
- Page
- Seite 230 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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230 Adolf M. Lichtenstödtrr: Konservative Gedanken eines Liberalen Speise, die die mosaische Gesetzgebung am meisten perrhoresziert, wäre taktlos. Im Uebrigen sehe ich die Abhängigkeit des einen vom anderen nicht ein. Alle Gebräuche, die sich nur auf den geisttötenden Buchstaben aufbauen, haben selbstverständlich für uns keinen Wert mehr. Ich nenne hier die Mikwah, das Rasierverbot, das Scheiteltragen der verheirateten Frauen usw. Aber den wahrhaft schönen, sinnigen Gebräuchen soll neben der alten Bedeutung neuer Geist eingehaucht werden. Um so besser, wenn wir sie in doppeltem Sinne feiern, wie z. B. das Thanukahfeft, welches neben der religiösen eine jüdisch-historische Feier geworden ist. U)ir müssen an her Auffassung festhalten, daß Thora nicht „Gesetz", sondern „Lehre" heißt. Gott lehrt uns, was wir zu unserem' eigenen Wohl tun und lassen sollen. Zeitlich und örtlich müssen da wohl Verschiebungen eintreten. Der Gottheit erweisen wir keinen „Gefallen" durch 'Ginhaltung dieses öder jenes Ritualgesetzes, aber uns selbst, unseren: Rörxer, unserem Geist dienen wir durch möglichste Ginhaltung der weisen Lehre, und in diesem Sinne führen wir einen gottgefälligen Lebenswandel. In diesem Sinne sollte auch der Religionsunterricht erteilt werden. Wir müssen die Jugend über den Sinn, die Schönheiten und die Zweckmäßigkeit vieler jüdischer Gebräuche aufklären und lehren, daß wir dieselben nach Möglichkeit respektieren sollen., auch wenn sie nicht die unbedingte Autorität wie die Sittengesetze beanspruchen. — Aber selbst wenn dieser Opportunismus im Religionsunterricht zur Geltung kommt, darf man deswegen nicht glauben, daß man jeden Zwiespalt zwischen Schule und Haus vermieden hat. Was für ein Wechselbalg von einer Lehre käme zu Stande, wenn man auf die sogenannten „religiösen Anschauungen" eines jeden Vaters Rücksicht nehmen wollte. Habe ich doch 'selbst gehört, wie ein Vater sich darüber beschwerte, daß im jüdischen Religionsunterricht — man höre und staune — die Intoleranz gelehrt werde, weil der Lehrer den Rindern sagte, sie sollen auf den Thristbaum verzichten und lieber Thanukahlickter anzünden!! ' Was unseren Gottesdienst anbetrifft, so meine ich, man sollte die Dauer desselben wesentlich abkürzen. Gr dauert in manchen Gemeinden am Sabbath zu lange und am Neujahrsfeste meistens sogar fünf Stunden. Ich möchte wissen, wer fünf Stunden lang andächtig bleiben kann! Dagegen wird es fraglich sein, ob der Gottesdienst während des Versöhnungstages unterbrochen werden darf. Da wird man wohl den vielen Andächtigen, die das Bedürfnis danach 'haben, die Möglichkeit bieten müssen, den ganzen Tag in der Synagoge zu verbringen. Im übrigen erwähne ich nochmals den Wunsch, den ich aus dem Munde des Herrn Dr. vogelstein hörte: Man soll die Akte häuslicher Weihe nicht vernachlässigen! Diese nebst einem gesunden und echtjüdischen Religionsunterricht sollen eine echtjüdische liberale Jugend heranziehen! Ich glaube zuversichtlich, daß die Stumpfheit, die wir heute in unseren Reihen so schmerzlich bedauern, bei kommenden Generationen schwinden wird! Die Anfänge der Besserung zeigen sich jetzt schon hier und da bei unserer Jugend!