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Liberales Judentum · 1911-10-01 · Heft 10 (Oktober 1911) · p. Seite 229

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Liberales Judentum
Volume
3 (1911)
Issue
Heft 10 (Oktober 1911)
Date
1911-10-01
Page
Seite 229 (sequence 13)
Language
German
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229 Adolf M. Fichtrnstädtrr: Konservative Gedanken eines Liberalen Zweige mit den glühend - roten Pfaffenhütchen, die zwischen dem grünen Laub hervorleuchteten. Dann kam erst der eigentliche Schmuck, lange Retten. von aufgereihten Hagebutten, nach jeder Frucht immer ein Blättchen weiß s)apier, und dann die Aepfel, Birnen, und die vergoldeten Nüsse — —, ach, ich glaubte, nicht die raffinierteste Dekorationskunst könnte Schöneres schaffen. Zn Wirklichkeit kann keine Runst die Wirkung dieser naiven Naturzierden erreichen. Es war, in Verbindung mit dem Feststrauß, ein frohes Erntefest, ein Fest der grünen Natur und der Früchte. Reine kaltherzige Religionsphilosophie könnte uns für den Verlust all dieser Herrlichkeiten entschädigen. Man glaubt vielfach, der Stamm könne weiter gedeihen und wachsen, wenn man ihm seinen Rern läßt, aber das überflüssige, lästige Laub und die phantastischen Blüten könne, ja müsse man abschneiden, damit die starre Herrlichkeit des kahlen Stammes mit so' deutlicher hervortrete! Zch halte das für Rurzsichtigkeit. Durch'die grünen Blätter atmet der Stamm. Die Blüten sind die sinnfälligen erquickenden Erscheinungen, die uns den Baum lieb und wert machen. Denn wir sind Menschen und keine Engel! — Auf anderen Gebieten liebt man die sinnfälligen Aeußerungen der Gefühle. Der nationale Patriot schreibt Gedichte, feiert nationale Tage, baut Bismarcktürme und Denkmäler, und es würde nicht leicht jemand wagen, aus liberaler Gesinnung diese „Veräußerlichung des Gedankens" zu tadeln. Warum will man der Religion nicht ein Gleiches zubilligen? Und gerade heute, wo überall aus völkischen, oder ethisch-historischen Gründen alte Volksgebräuche wieder aufgefrischt und belebt werden, sollten auch wir unsere religiös - geschichtlichen Gebräuche mehr pflegen. Die schwierigste Frage wird immer die der Sabbatfeier bleiben. Zwei Ruhetage in der Woche können wir uns nicht leisten. Die Verlegung auf den Sonntag wäre das Todesurteil für das historische Judentum. Aber wir können am Sabbat wenigstens zeitweise den Gottesdienst aufsuchen und diesen Tag mit einer gewissen Weihe umgeben. Gegen die Verlegung des Freitag - Abend- Gottesdienstes auf eine späte Stunde nach Schluß der Tagesarbeit wird kein aufgeklärter Jude etwas einwenden. Daß ich keiner puritanischen Sabbatfeier das Wort rede, die das Fahren mit der Trambahn, das Rauchen und dergleichen verbietet, ist selbstverständlich. — Das Mazzosessen am Seder- Abend und an den anderen j)esachtagen, ist ein sinniger und hygienischer Gebrauch. Wir „Allesesser" haben ja kaum rnehr eine Erinnerung daran, wie köstlich uns das gewöhnliche Brot nach achttägiger Enthaltsamkeit schmeckte. Zch möchte fast sagen, das Mazzosgebot ist eines der „raffinierten" Mittel, den Lebensgenuß durch -Abwechslung wach zu halten und zu wecken. — Wer sich aber nicht während der ganzen acht Tage streng des Brotgenusses enthält, kann deswegen doch ein überzeugter Jude sein. — Zusammenfassend möchte ich folgenden Satz aufstellen. Wir sollen alles das beibehalten, was nützlich und gesundheitfördernd, was schön, was sinnig und erhebend ist, und das Uebrige können wir ruhig fallen lassen. Wir müssen uns gegen die doktrinäre, orthodoxe Anschauung wehren, welche stets bereit ist, zu sagend Wenn du dieses Gesetz nicht hältst, dann brauchst du auch jenes nicht zu beobachten! Um ein naheliegendes Beispiel aufzuführen: Gar mancher, der nicht rituell speist, hat aus diesem Grunde das Fasten am Versöhnungstage aufgegeben. Was hat aber in Wirklichkeit das körper- und seelerZinigende Fasten mit der Zubereitung der Speisen zu tun? Gewiß! Zu Beginn oder am Schluß des Versöhnungstages etwa Schweinebraten zu essen, also gerade die

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