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Liberales Judentum · 1911-10-01 · Heft 10 (Oktober 1911) · p. Seite 228

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Journal
Liberales Judentum
Volume
3 (1911)
Issue
Heft 10 (Oktober 1911)
Date
1911-10-01
Page
Seite 228 (sequence 12)
Language
German
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228 MsLf M Lichtrnstädtev: Konservative Gedanken eines Liberalen gelesen: „Er trug sein Judentum, wie einen stolzen Rrönungsmantel!" Dieses Wort sollte sich jeder Jude zu eigenem Gebrauch in die Seele schreiben. Es wäre auch das beste Mittel gegen den gesellschaftlichen Antisemitismus! Der „Freitag-Abend" hat seit Jahrhunderten einen solch mächtigen Zauber ausgeübt, daß wir alle ihm noch heute untertan sind. Selbst in Familien, aus denen das Judentum bis auf die letzten Erinnerungszeichen verschwunden ist, wird noch vielfach der Brauch geübt, sich am Freitag-Abend zum Familientisch zusammenzufinden. Zn der Zeitschrift „Liberales Judentum" hat ein Mitarbeiter den seltsamen Vorschlag gemacht, den Sabbat auf den Sonntag zu verlegen, aber -den Freitag - Abend beizubehalten. Die meisten Leser werden wohl diesem Vorschlag keinen Geschmack abgewinnen und werden finden, daß der Vorabend mit der Tagesfeier verschwinden müßte! a Daß die Speisegesetze eine ethische und ästhetische Bedeutung haben, dürfte kaum bestritten werden. Bestimmte mosaisch verbotene Tiere, bestimmte ekelhafte Delikatessen sollten unserer Tafel fern bleiben. Eine gewisse Enthaltsamkeit hat immer ethischen und ästhetischen wert. Dadurch, daß wir zu Allesessern werden, steigen wir weder in körperlicher noch in moralischer Gesundheit. Unsere Ahnen, die das enthaltsamste Leben führten, sich acht Tage lang von Mazzos nährten und die Fasttage streng beobachteten, wurden durch ein hohes Alter belohnt, wie viele von unserer heutigen Generation, die durchschnittlich eine leichtere Existenz, als unsere Voreltern führe?!, werden wohl ein Alter von 80, HO oder?nehr Zähren erreichen? Zch bin der letzte, der aus der strikten Beobachtung der Speisegesetze einen Glaubensartikel machen inöchte, aber ich will betonen, daß wir nicht geringachtend über dergleichen denken und sprechen sollen. — wie steht es nun mit unseren Festtagen? Diejenigen, welche die Verlegung des Sabbats auf den Sonntag befürworten, müßten dann auch die Verlegung des pesachfestes auf Ostern, und das Schebuothfestes auf Pfingsten anstreben. Aber sie tun das nicht, sondern sagen sich: wir feiern ja ohnedies die christlichen Festtage, weil sie gesetzliche Feiertage sind, und die jüdischen Feste fallen für uns von selbst weg. Zn welch ungeheure?n Nachteil dadurch das Zudentu?n dem Christentum gegenüber gerät, wird weiter nicht beachtet. Der Christ feiert seine Festtage nicht nur als Ruhetage, sondern mehr oder minder stets im religiösen Sinne. Selbst ernste politische Zeitungen, die nichts weniger als konfessionelle Blätter sind, bringen zu den christlichen Festen stimmungsvolle Leitartikel, die etwa eine parallele zwischen der kirchliche?! Bedeutung des Tages und. den politischen Ereignissen ziehen. Aber wir! Wozu brauchen wir noch an die glorreichen Momente unserer glanzvollen Vergangenheit erinnert zu werden? Und welcher Schatz an idealen werten geht uns durch diese Nichtachtung der Schönheit unserer Feste verloren! wie bedauere ich, daß die zunehmende Verflachung des religiösen Lebens und die städtischen Verhältnisse der Laubhütte ein Ende bereitet haben. Es ist einer der lieblichsten Gebräuche der jüdischen Religion, die Erbauung der Sukkah. Mit Rührung erinnere ich mich meiner Unabenjahre, wo wir (nach alten! Brauch) noch nach Schluß des Versühnungstages a?n späten Abend darai! gingen, die Vorbereitungen für die Errichtung der Sukkah zu treffen. Der Duft des Laubes, das schon einige Tage vorher eingehei?nst worden war, durchzog das ganze Lsaus. Meist war es Eichenlaub und bsainbuchenzweige, auch einige Fichtenreiser dabei. Damit wurde die Hütte bedeckt. Aber das Schönste waren die

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