Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 3 (1911)
- Issue
- Heft 10 (Oktober 1911)
- Date
- 1911-10-01
- Page
- Seite 227 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Adolf M. Fichtenstädter: Konservative Gedanken eines Liberalen 227 ans, daß dieses Leben einen höheren Sinn nnd wert haben müsse, daß es eine (Quelle und Bürgschaft geben müsse für unsere sittlichen Impulse, eine Gottheit, die freilich keine Sternwarte erspähen kann, und die jn keiner chemischen Retorte erscheint. Das Ganze muß einem Zweck dienen, den kein philosophisches System je ergründen wird, wir glauben daran, daß sich einst eine Lösung des Weltenrätsels vor uns auftun wird, wenn wir auch den Glauben an eine körperliche Wiederbelebung der Toten verwerfen. Neben diesem grundlegenden religiösen Glauben halte ich es auch nicht für richtig, den Glauben an die Offenbarung einfach abzulehnen. Ts mag jeder mit sich selbst ausmachen, ob er glauben will, daß das Volk Israel in gewaltigen Naturerscheinungen die Stimme Gottes hörte oder ob unser großer Lehrer durch Inspiration ,die Lehre empfangen habe, wie können wir mit unseren stumpfen Sinnen darüber ernen nüchternen Lehrsatz aufstellen! Ueber die genügend abgehandelte Tatsache, daß verschiedene Teile unserer ehrwürdigen Thora verschieden gewertet sein wollen, will Ich nicht viel Worte verlieren. Um nur eines zu erwähnen: Ts gäbe keine Gewalt, die uns je veranlassen könnte, den blutigen Gpferdienst wieder aufzunehmen, der für seine Zeit ganz bestimmte praktische Zwecke verfolgte, und der unserem heutigen jüdischen und menschlichen Tmxfinden so abstoßend erscheint. Immerhin kann sich der strenggläubige Jude darauf berufen, daß die Vorsehung selbst für die Abschaffung des Gpferdienstes gesorgt hat, nachdem er seine Bestimmung erfüllt hatte. was die Lrzählungen von der Schöpfung und von Wundern anbelangt, so kann für uns selbstverständlich nur die moderne naturwissenschaftliche Erkenntnis maßgebend fein. Im übrigen ist die Thora auch für den liberalen Juden ein herrliches Gut, ein Trziehungsbuch, dem wir den Bestand unserer Religion und unseres Stammes verdanken. Wenn wir uns darüber einig sind, daß wir das Judentum aufrecht erhalten wollen, so sehe ich nicht ein, warum wir es nicht der Hauptsache nach in seinen ehrwürdigen, alterprobten Formen, soweit sie heute noch für uns Bedeutung haben können,. aufrecht erhalten sollen. RIag es jeder mit seinem Gewissen abmachen, welche Konzession er seinen persönlichen Empfindungen und Bedürfnissen (namentlich bezüglich der Sabbatfeier und der Speisegesetze) einräumt, und welche Dispense er sich selbst gewährt, da wir nun einmal glücklicherweise keine Priesterhoheit besitzen, die derartiges aus eigener Machtvollkommenheit dekretieren könnte. Vielleicht finde ich Verständnis, wenn ich eine Anzahl unserer Religionsvorschriften vom Standpunkt der Aesthetik, vom Standpunkte des künstlerischen Empfindens aus betrachte, „künstlerisch? Aesthetisch?" so höre ich zweifelnd fragen. „Die lästigen, überlebten Formen, die uns einen solch häßlichen Anstrich gegenüber Andersgläubigen geben, an diesen soll auch noch etwas Schönes sein?" Dabei fällt mir der Kandelsmann ein, der frühmorgens, angesichts der nichtjüdischen Fahrgäste im Eisenbahnabteil Tefillin legt und ähnliche andere „parade"- übungen der Religion, die ebensowenig meinen Beifall wie den irgend eines Radikalen finden. Unsere intime Religionsübung gehört ins „stille Rämmerlein", in unsere Wohnung oder ins Gotteshaus. Aber dort soll sie auch stolz ausgeübt werden. Ulan soll nicht zu denen gehören, die sich vor ihrem christlichen Dienstmädchen genieren, die herrlichen Gebräuche des Ridduschmachens, des Sederabends oder des Entzündens der Thanukalichter in ihrem eigenen Keim zu üben. Ich habe kürzlich einmal ein schönes Wort von einem verstorbenen Baron Rothschild