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Liberales Judentum · 1911-10-01 · Heft 10 (Oktober 1911) · p. Seite 226

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Journal
Liberales Judentum
Volume
3 (1911)
Issue
Heft 10 (Oktober 1911)
Date
1911-10-01
Page
Seite 226 (sequence 10)
Language
German
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226 Adolf M. Fichtenstädter: Konservative Grdonken eines Liberalen Gewiß haben die mosaisch-talmudischen Speisegesetze in rohen Zeiten einen sittlichenden Einfluß ausgeübt; auch ihre sanitäre Bedeutung soll nicht verkannt werden. Für unsere Zeit aber sind sie ethisch wertlos, wir Kulturmenschen des 20. Jahrhunderts werden auch ohnedies kein ekelhaftes Gewürm, Blut oder gar Aas genießen. Eine auf den Grundsätzen erprobten Wissens aufgebaute Fleischschau schützt uns besser als die vor anderthalb Jahrtausenden abgeschlossene sanitätsxolizeiliche Gesetzgebung des Talmud. Dieselbe gestattet z. B. xerlsüchtiges Vieh, während sie, wie oben ausgeführt, ganz harmlose Anomalien für gefährlich ansieht, anderseits wieder gegen den Genuß totkranker Tiere nichts einzuwenden hat. So hat denn die Aufrechterhaltung dieser Gesetze im wesentlichen nur die Wirkung, uns das Leben zu erschweren und den Abschluß von Andersgläubigen ganz erheblich zu fördern. Diese Tendenz, welche die Talmudisten veranlaßte, selbst den wein, das Gel und das Brot der Heiden zu verbieten, können und wollen wir nicht mehr uns aneignen. Soll dem Judentum eine Zukunft erblühen, so muß sein ethischer Gehalt allein maßgebend sein für seine Bekenner, so muß es die talmudische Zwangsjacke abwerfen. Aber trotz aller Anläufe stecken wir noch in den Kinderschuhen. Zn Schule und Gemeindeverwaltung wird immer noch, auch in liberalen Kreisen, den Sxeisegesetzen das Wort geredet. Statt der Wahrheit und Vernunft die Ehre zu geben, schließt man lieber einen schwächlichen Frieden mit der Orthodoxie, die sich nur auf den „papierenen j)apst", den Schulchan Aruch, zu berufen braucht, um ihre Forderungen durchzusetzen. Die Ehe-, namentlich die Ehescheidungsgesetze, schreien förmlich nach einer Umgestaltung. Die Disharmonie zwischen Lehre und Leben an jedem siebten Tag der Woche ist ein Zustand, der dem Judentum gradezu zur Unehre gereicht. Aber was geschieht? wenn hier der Liberalismus keinen Wandel schafft, so verdient er redlich den Spott der Gegner und wirklich freisinnige Männer**); die jüdische Intelligenz wird sich von ihm abwenden, und der Abfall vom Judentum wird immer weiter um sich greifen, Hier hat der Liberalismus ein Feld, sich zu betätigen. **) Siehe den Aufsatz „Liberal oder orthodox?" von Dr. Klein-Stockholm in Nr. 41 der „Allg Ztg. d. I." vom 6. 10. 1909. Konservative 6eäanken eines Liberalen. Von Adolf W. ßchtenftädter-riürnberg. ahlreich sind innerhalb der neuliberalen Bewegung die Stimmen geworden, die sich bei aller freiheitlichen Auffassung gegen den „bilder"-stürmerischen, unhistorischen Radikalismus erheben, welch letzterer das liberale Judentum so bis zur Gäsförmigkeit verdünnen möchte, daß kein Mikroskop mehr etwas Jüdisches an diesem Judentum ent- .decken könnte. Neulickst) hatte ich das aufrichtige Vergnügen, den Nestor der liberalen i) Der Aussatz ging uns im März d. I zu. Die Ned. Bewegung, Herrn Dr. Vogelstein aus Stettin dahier sprechen zu hören, und jedes Wort was er sagte, möchte ich unterschreiben. Aber auch in der Monatsschrift für Liberales Judentum haben sich Stimmen erhoben, die dem h i st o r'i s ch e n Judentum das Wort reden und es nicht in eine „Gesellschaft fürethische Kultur" umwandeln wollen. Ueber unseren Gottesglauben brauchen wir nicht viele Worte zu verlieren. Unser Glaube, der für uns kein Wahn ist, sagt

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