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Liberales Judentum · 1911-10-01 · Heft 10 (Oktober 1911) · p. Seite 225

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Journal
Liberales Judentum
Volume
3 (1911)
Issue
Heft 10 (Oktober 1911)
Date
1911-10-01
Page
Seite 225 (sequence 9)
Language
German
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Pr. Karl Ittner: Pie jüdischen Kpeisegesehe 225 gleichen Geist silbenstechender Interpretation ist die talmudische -Erlaubnis geboren, ohne Unterschied alles zu essen, was in stehenden Gewässern lebt, denn die Schrift befehle nur: „U)as keine Flossen und Schuppen in Meeren und Flüssen hat, sei euch ein Abscheu," nicht aber, was ohne Flossen und Schuppen in stagnierenden Gewässern und Masse r be hältnissen vorkommt, dieses sei vielmehr erlaubt (!). Heißt es aber nicht 3. B. 2TC. U, ^2: Alles was nicht Floßfedern und Schuppen chat im Wasser sei euch ein Abscheu? Und wo bleibt das Verbot: Macht eure Seelen nicht zürn Abscheu, nach talmudischer Auslegung: Genießet nichts Ekelerregendes? (S. den Kommentar Laer Uetsd zu Joreh Deah § 8H.) Zum Schlüsse möchten wir noch kurz die Frage' beantworten: welche Zeugnisse enthält die Bibel über die Existenz und Beobachtung der Speisegesetze im alten Israel? Da zeigen sich nun allerhand merkwürdige Erscheinungen. Der Erzvater Abraham, der nach den Talmudisten sogar die verwickelsten Vorschriften gehalten haben soll, setzt den drei Engeln im Haine Mamreh Butter, Milch und Kalbfleisch vor. wäre dem Erzähler dieser Geschichte etwas davon bekannt gewesen, daß Milch und Fleisch nicht zusammen genossen werden dürfen, so wäre gewiß die Milch und Butter weggelassen worden. Isaak, der die religiösen Traditionen des Elternhauses treu beobachtet, schickt seinen Sohn Esau mit j?feil und Bogen auf die Jagd, um wild für ihn zu schießen. Man wird einwenden, dieses sei vor der Gesetzgebung am Sinai gewesen. Man höre also weiter: Im Buch der Richter wird dem Weibe des Manoah, da sie einem Gottgeweihten (Nasir) das Leben geben soll, von einem Engel verboten, Unreines zu essen (Kapitel \o). Dieses Verbot läßt nur den Schluß zu, daß sie bis dahin das Fleisch unreiner Tiere gegessen hat. Der Sohn, der auf diese wunderbare Weise angekündigt worden ist, Simson, ist nicht nur Nasir, sondern auch höchster Leiter des israelitischen Staatswesens (Schofet). Nichtsdestoweniger heiratet er eine Tochter der Philister und hält im j)hilisterland ein siebentägiges Hochzeitsfest ab. Daß ein geprüfter und autorisierter Schächter dabei mitgewirkt habe, wird nirgends erwähnt. Der König David, der ein Mann nach „dem Gerzen Gottes" war, lebt eine Zeit lang an dem Hofe des heidnischen Königs Abimelech. Desgleichen flüchtet sein Sohn Absalom an den Hof des Königs von Geschur. Es ist nicht anzunehmen, daß sie sich während ihres Aufenthaltes in der Fremde des Fleischgenusses enthalten haben; die Bibel enthielte sonst irgend eine Bemerkung hierüber. Man lese nur das erste Kapitel des Buches Daniel, das einer sehr späten Zeit angehört. — Der eifervolle Prophet Eliah lebt eine Zeit lang von Brot und Fleisch, das ihm von Raben (orebim) zugetragen wird ((. Könige s7, 6). Da solches Fleisch unter allen Umständen nach talmudischen Grundsätzen verboten ist, übt der Talmud an dieser Erzählung seine ganze dialektische Kunst, um den großen Gottesmann von dem Anwurf des „Trefahessens" zu bewahren. — Ein Zeitgenosse Elias ist der fromme jüdische König Iosafat. Trotzdem erzählt der Thronist, daß jener sich nicht nur mit dem götzendienerischen König Ahab von Israel verschwägert, sondern auch samt seinen Leuten bei ihm Fleisch gegessen habe. Ahabs Gemahlin war bekanntlich die von der Bibel als Auswurf aller Gottlosigkeit hingestellte Isabel. Die königliche Küche war daher sicherlich nichts weniger als „koscher". Ist sie aber von dem frommen König als Jude nicht beanstandet worden, so läßt dies nur die eine Erklärung zu, daß die im Talmud enthaltenen Speisevorschriften damals nicht bekannt waren.

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