Mannheim
Compact Memory

Liberales Judentum · 1911-10-01 · Heft 10 (Oktober 1911) · p. Seite 219

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Liberales Judentum
Volume
3 (1911)
Issue
Heft 10 (Oktober 1911)
Date
1911-10-01
Page
Seite 219 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3126481-3126513-3126523--0944-3127766
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

o o o o Dr. Kart Ittner: Air jüdischen Speisegesrhe 219 Romint es aber dghin, daß, wie schon heute die Mehrzahl der Laien, so auch ein beträchtlicher Teil der offiziellen Vertreter des Judentums, der Rabbiner und Religionslehrer, sich von den als minderwertig empfundenen, nicht mehr lebensfähigen Formen lossagen, dann wird man erst mit Fug behaupten dürfen, daß das liberale Judentum sich auch offiziell zu der prophetischen Auffassung bekenne, daß seine Religion in der Hauptsache nichts anderes verlange, als sittliches handeln, dann erst darf man erwarten, daß eine so günstige Beurteilung des Judentums, wie sie Maurenbrecher auf Grund der Hirsch'schen Rede ausgesprochen, die allgemeine wird. Oie jüäitcken öpeisegeiehe. Von Dr. Karl Ittner. egner des traditionellen Judentums haben dasselbe eine Küchenreligion genannt. Dieser Tadel ist ungerecht, denn die überlieferte jüdische Religion will alle Beziehungen des Menschen zur Umwelt, nicht bloß die Ernährung regeln. Aber er hat einen Schein der Berechtigung, insofern als tatsächlich die Verordnungen, die sich auf Speise und Trank beziehen, dem einzelnen Juden, wie der Gesamtheit, ihre besondere Signatur aufdrücken. Es soll dabei keinen Augenblick verkannt werden, daß einzelnen dieser Vorschriften gewiß ursprünglich ein bedeutsamer ethischer oder hygienischer wert zukam; die Frage ist nur: Haben sie heut noch die Kraft die Juden sittlich zu beeinflussen? Gder welchen anderen Zweck haben sie? Tatsächlich haben sich ja läimft weite Kreise von denselben emanzipiert ohne erst auf die Beschlüsse von Synoden oder Konzilien zu warten; trotzdem dürfte es auch für sie nicht ohne Interresse sein, die Speisegesetze auf ihren wert, ihre Herkunft und Legitimation einmal einer kritischen Prüfung unterzogen zu sehen. Eine solche Arbeit wurde s. Zt. geleistet von dem verstorbenen Rabbiner Dr. A. wiener in seinem Buche: die jüdischen Speisegesetze, Breslau \895, einem durch ebensoviel Freimut wie Gelehrsamkeit ausgezeichneten Werke. Rach seiner ganzen Einlage ist es für Theologen bestimmt, doch kann es auch von anderen gebildeten Personen trotz seiner zahlreichen, leider unübersetzt gebliebenen Zitate aus dem Talmud und lateinischen und griechischen Autoren noch mit Nutzen gelesen werden. Was wir in dem engen Rahmen der folgenden Ausführungen Vorbringen, geht in der Hauptsache auf wiener zurück, bei dem unser Thema auf 508 Gktavseiten, man kann wohl sagen erschöpfend, behandelt wird, und auf den der geneigte Leser, der weitere Informationen wünscht, hiermit noch einmal ausdrücklich verwiesen sei. Ein Kennzeichen der jüdischen Küche bildet die Trennung der Fleisch- und ^Milchspeisen. Einen hygienischen oder gar ethischen wert vermag unser Autor dem verbot der Vermischung der beiden genannten Substanzen nicht zuzuerkennen. Das Eigentümliche aber bei diesem tiefeinschneidenden Gesetz ist der Umstand, daß die Bibel von ihm nichts weiß, daß es vielmehr erst durch eine Reihe gewaltsamer talmudischer Interpretationen in den Vers: „Du sollst das Böcklein nicht kochen in der Milch seiner Mutter" hineingepreßt worden ist. Der im ersten christlichen Jahrhundert in Alexandrien lebende Philosoph und Exeget j)hilo, der ein fronuner Jude war, faßt den angeführten

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.