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Liberales Judentum · 1911-10-01 · Heft 10 (Oktober 1911) · p. Seite 218

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Journal
Liberales Judentum
Volume
3 (1911)
Issue
Heft 10 (Oktober 1911)
Date
1911-10-01
Page
Seite 218 (sequence 2)
Language
German
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218 Prof. Ar. Samter: Judentum und Zeremonien o o liche Vertreter ihrer Religion offen eine freiere Auffassung bekennen und den Glauben an jene Lehre durchaus ablehnen?) wenn aber einem liberalen Juden von einem Christen der Einwand gemacht würde: „Du selbst hältst freilich die als jüdisch geltenden Zeremonien nicht, aber die offiziellen Vertreter deiner Religion halten doch daran fest, und nicht etwa nur die hochorthodoxen, also müssen diese Formen doch wohl zum Wesen des Judentums gehören", — die Antwort auf einen solchen Einwand würde nicht ganz leicht sein. Rkit Recht hatte in der konstituierenden Sitzung der Vereinigung für das liberale Judentum Zustizrat Auerbach gemahnt, die liberalen Rabbiner sollten mit guten: Beispiel vorangehen und ihre theoretischen Ueberzeugungen in die Praxis umsetzen. Damals erwiderte Rabbiner Vogelstein aus Königsberg, das sei nicht möglich, weil der Rabbiner nicht nur für die Liberalen, sondern auch für die Orthodoxen da sei und sich auch ihr Vertrauen bewahren müsse. Zunächst -würde aber Vogelsteins Bedenken nur da berechtigt sein, wo nur ein Rabbiner vorhanden ist. Hat eine Gemeinde mehrere Rabbiner von verschiedener Richtung, hält sie es, wie das in Berlin der Fall ist, mit Recht für notwendig, eine oder mehrere Stellen aus Rücksicht auf die strenggläubigen Gemeindemitglieder mit ausgesprochen orthodoxen Theologen zu besetzen, dann kann die von Vogelstein geforderte Rücksicht unbedenklich wegfallen, dann ist es das gute Recht der Liberalen in der Gemeinde, daß man auch ihre Anschauungen berücksichtigt und wenigstens einen Rabbiner beruft, der den Liberalismus ohne Scheu auch in seineni handeln zum Ausdruck bringt, wenn die Empfindungen der Orthodoxen geschont h Eine solche Erwiderung könnte auch nicht etwa durch den Hinweis aus den Fall Jatho widerlegt werden, denn Jatho entfernt sich ja noch in wesentlichen anderen Punkten von der Lehre seiner Kirche. werden müssen, so können die Liberalen dasselbe für ihre Empfindungen beanspruchen. Oder sollte es nicht eine Kränkung der wirklich Liberalen sein, wenn dem Liberalismus im Judentum gleichsam die Existenzberechtigung abgesprochen wird durch das Verhalten der Rabbiner, indem diese sämtlich an der orthodoxen Form festhalten? Aber auch wo der liberale Rabbiner der einzige in seiner Gemeinde ist, trifft Vogelsteins Erwiderung nicht ganz zu. Zn einer ^orthodoxen Genfeinde kann sich ein liberaler Rabbiner allerdings nicht frei betätigen; aber eine jin der Mehrheit orthodoxe Gemeinde wird einen ausgesprochen liberalen Theologen schwerlich zum Rabbiner wählen. Zst jedoch die Mehrzahl der Gemeindemitglieder liberal, wählt die Gemeindevertretung einen Liberalen zum Rabbiner, weil sie eben — ich denke an Humboldts bekanntes Wort vom liberalen Minister — einen liberalen Rabbiner zu haben wünscht, so scheint es mir natürlicher, daß er dem Wunsche der Mehrheit gemäß seine Ansichten auch praktisch vertritt, als daß er um der orthodoxen Minorität willen, nach deren Kerzen er als Liberaler doch nicht sein kann, seine Neberzeugung zu betätigen vermeidet. Ob wohl ein strengorthodoxer Rabbiner jn einer zum größten Teile orthodoxen Gemeinde es für nötig hält, seine Anschauungen aus Rücksicht auf eine liberale Minderheit zu verbergen oder auch nur abzumildern? Eine Voraussetzung muß freilich vorhanden sein, die meistens fehlen mag: die liberalen Mitglieder der Gemeinde müssen ihre Ueberzeugung mutig und energisch vertreten, dürfen nicht etwa aus schwächlicher Friedensliebe ihrerseits von ihrem Rabbiner verlangen oder doch wünschen, daß er Formen hält, die sie selbst verwerfen, sie müssen ihm vielmehr eine feste Stütze sein, auf die er sich gegenüber etwaigen Angriffen von Orthodoxen unbedingt verlassen kann.

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