Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 3 (1911)
- Issue
- Heft 9 (September 1911)
- Date
- 1911-09-01
- Page
- Seite 214 (sequence 22)
- Language
- German
- Belongs to
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214 Fsrvenürrg, Aus jüdischer Seele o o o geschichtlichen Bedeutung. Auf die Frage der Verlegung des Sabbat auf den Sonntag übergehend, sagt er: „Dem plötzlich in das moderne Kulturleben hineingerissenen Juden des Abendlandes ist der Sabbat mit seiner weihe- und Segenskraft zum großen Teil verloren gegangen, und die Frage drängt sich vielen auf: Soll die Schale ohne den Kern, die äußerliche Gesetzesheiligkeit des Sabbats ohne die innere weihe als „Zeichen des Bundes zwischen Gott und Israel" festgehalten werden, wie das die Formgläubigkeit will, oder soll, mit Hintansetzung der geschichtlichen Verpflichtung und Treue, der bürgerliche Ruhetag, trotz seines christlichen Ursprungs und Charakters, vom abendländischen Juden als der Sabbat anerkannt werden, an dem dereinst „alles Fleisch vor dem Ljerrn in Anbetung sich niederwerfen wird", wie der Radikalreformer meint? Die Antwort darf nach den reichen Erfahrungen der letzten Jahrzehnte nicht unsicher sein. Die Kontinuität der vieltausendjährigen jüdischen Geschichte darf mit der preisgebung des geschichtlichen Sabbats nicht durchbrochen werden." — Sollte die auf amerikanischen Erfahrungen begründete Stellungnahme des Verfassers den Befürwortern des Sonntagsgottesdienstes nicht zu denken geben? — Köhler schreibt mit seinem Herzen; darum sind diejenigen Themata, die seinem Herzen nahe stehen, die rein religiösen und geschichtsphilosophischen am wirksamsten und packendsten. In ihnen erhebt sich der gemütstiefe, religiös warm empfindende Verfasser zu wahrhaft prophetischer höhe der Auffassung und Darstellung. Aber auch sonst spricht er nirgends eine gelehrte, steifleinene Sprache, sondern klar und verständlich, frisch und anmutig. Er prunkt nicht mit dem härenen Philosophenmantel weltabgewandte Wissenschaftlichkeit, die oft hinter der Maske trockenen Gelehrtentums und kühler Objektivität, ihre Herzenskälte und ihren Mangel an Kraft und Schwung verbirgt. Ein hauch poetischen Geistes und feuriger Begeisterung weht aus dem Werke. Man fühlt den warmen Pulsschlag des Herzens hinter dem gedruckten Worte. Das Buch trägt, wie Iehuda halevi's Kusari, eine persönliche Note. Und das rechne ich zu dem wertvollsten an dem Werk, wie es überall das wertvollste jeder Leistung ausmacht, daß eine warmherzige Persönlichkeit dahinter steht. Mit dem Schwung der Begeisterung verbindet sich in eigenartiger Mischung ein Geist milder Abgeklärtheit, reifer, überlegener Weltansicht, die aus der Fülle umfassenden Wissens und gereiften Denkens, wie ein Reicher aus seinen Schätzen, schöpft. Alle einschlägigen Resultate der neuesten wissenschaftlichen Forschung sind' verwertet, aber auch — neben der Bibel — die hagada und mittelalterliche Neligionsphilosophie in erfreulichem Gegensatz zu früheren Bearbeitungen der israelitischen Religionslehre in weitgehendem Maße herangezogen. Zu allen bedeutsamen Gegenwartsfragen der jüdischen Religion hat Köhler großzügig Stellung genommen. Das Buch will gelesen und wieder gelesen sein und wirkt bei jedem erneuten Lesen stärker und sympathischer. In ihm spiegelt sich das religiöse Denken und Empfinden des modernen Judentums, in ihm steckt das Material zum Aufbau einer neuen jüdischen Zukunft. Seligmann. Aus jüdischer Seele, Gedichte von J. Föwenberg. Dritte, vermehrte Auflage. Verlag von M. Glogaujr., Hamburg.8. \08 5. Eine dritte Auflage jüdischer Gedichte! In der Tat ein erfreulicher Beweis dafür, daß das jüdische Lesepublikum diesen feinsinnigen Dichter, mit der stark empfindenden jüdischen Seele, würdigt und liest. Aber der jüdische Dichter ist ein deutscher Dichter; nicht nur darum, weil wir Löwenberg auch im deutschen Dichterwald begegnen, weil seine formvollendeten, gemütsinnigen Gedichte zu den perlen der besten deutschen Anthologien, ja selbst zum Besitzstand deutscher Lesebücher gehören, sondern weil in dieser harmonischen Persönlichkeit Deutschtum und Judentum, wie es in den Herzen der besten deutschen Juden lebt, zu wunderbarer Einheit verschmolzen sind. Leidenschaftlich stolzes Empfinden spricht aus den „Liedern eines Semiten". Selten