Mannheim
Compact Memory

Liberales Judentum · 1911-09-01 · Heft 9 (September 1911) · p. Seite 213

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Liberales Judentum
Volume
3 (1911)
Issue
Heft 9 (September 1911)
Date
1911-09-01
Page
Seite 213 (sequence 21)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3126481-3126513-3126522--0937-3127758
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Gin grundlegendes Merk für das liberale Judentum 213 berechtigtes Einteilungsprinzip, dem das alte Einteilungsprinzip der meisten jüdischen Religionsbücher, das auf den Albo'schen IKarim aufgebaut ist, wird weichen müssen. Was Albo in seinem dritten Glaubensgrundsatz, der von der göttlichen Offenbarung handelt, sagt, das bespricht Köhler in den ersten 4 Kapiteln seines ersten 'Hauptteils unter dem Schlagwort: „Gott in seiner Selbstmitteilung". Diese 4 Kapitel tragen die Ueberschriften: 1) Das Gottesbewußtsein, 2) Die Offenbarung Gottes, die prophetische Kundgebung und die göttliche Eingebung, 3) Die Tora oder die gottgeoffenbarte Weisung, Der Gottesbund. — Ein weiterer Hauptabschnitt von 15 umfangreichen Kapiteln behandelt die „Gottesidee des Judentums": Gott und die Götter, der Name Gottes, das Dasein, das Wesen, die Einheit, Einigkeit, Allmacht, Allwissenheit, Allgegenwart, Ewigkeit, Heiligkeit Gottes, der zürnende und strafende Gott, Die Langmut, Gnade, Gerechtigkeit, Güte, Barmherzigkeit, Liebe, Wahrhaftigkeit, Treue, Allweisheit und Herablassung Gottes. Ob diese ausführliche Behandlung der Attributenlehre in heutiger Zeit notwendig war? Dem Verfasser sogar scheint es ein bischen zu viel des Guten zu sein; denn er bemerkt selbst einmal: „Der Versuch, die göttlichen Eigenschaften nacheinander aufzuzählen, bringt die talmudische Erzählung in Erinnerung, nach welcher ein Schüler in Gegenwart R. Haninas an das vorbeterpult trat und Gott mit einer nimmerendenden Zahl von Attributen anredete. Wie dann sein Vorrat von Worten erschöpft war, unterbrach ihn der Meister mit der Frage: „Hast Du nun wirklich die Zahl der göttlichen Eigenschaften vollendet?" — Wäre es nicht richtiger gewesen, den reichen Inhalt dieser Kapitel in den Abschnitten: - „Gott, in seiner Beziehung zur Welt und zum Menschen" zu erörtern? Denn um das „was Gott uns ist" handelt es sich, wie Köhler mit vollem Rechte sagt. Dann wäre auch vermieden worden, daß manches, was in den Kapiteln von den göttlichen Attributen gesagt wurde, später im Abschnitt von Gottes Beziehung zur Welt wieder ausgenommen werden mußte. Der zQrnende, strafende, langmütige, gnädige, gerechte, gütige, barmherzige, liebevolle Gott — gehört das nicht alles in die Kapitel von der göttlichen Vorsehung und sittlichen Weltordnung und von den Uebeln in der Welt? Freilich lag aus apologetischen Gründen eine starke Nötigung für den Verfasser vor, ausführlicher von den Eigenschaften des „jüdischen" Gottes zu reden, und das mag das psychologische Motiv sein, aus dem heraus diese Materie so eingehend und liebevoll behandelt wurde. Noch eine zweite Gattung von Kapiteln hätte ohne Schaden für das Werk, ganz ausfallen oder in aller Kürze behandelt werden können. Das sind diejenigen Kapitel und Absätze, die, wie mir scheint, aus dem Bestreben, gegen Webers System der Theologie zu polemisieren, hervprgegangen sind. Welches Interesse hat das heutige Judentum für die Themata: „Gott und die Geifterwelt", „Satan", „Die bösen Geister", „Die Mittelwesen"? So prachtvoll diese Kapitel als apologetische und polemische Leistungen sind, so beredtes Zeugnis sie für die glänzende Darstellungsgabe und das immense Wissen des Autors ablegen, das alles gehört einer hinter uns liegenden Zeit an und ist aus dem religisen Bewußtsein des Judentums, vollständig geschwunden. Es sind petrefakten oder, wie Köhler einmal sagt „herabgefallene Herbstblätter", die der Verwesung anheimsallen, aber nicht konserviert werden mögen. Die glänzendsten Partien des Werkes sind die Kapitel von der Buße, vom Wesen und Zweck des Gebets, von dem Menschen und der Menschheit, — und der ganze dritte Hauptteil „Israel und das Gottesreich", in welchem wiederum „Israels Erwählung zum Gottesvolk", „Die Messiashoffnung" und „Die Synagoge und ihre Institutionen" die Glanzpunkte bilden. Im letztgenannten wichtigen und aufschlußreichen Kapitel finden alle schweren in der Gegenwart nach Lösung ringenden Fragen des jüdisch-religiösen Lebens ihre befriedigende, dem Empfinden und Denken des heutigen Judentum adäquate Lösung. Ein Beispiel für viele möge von dem sympathischen Freimut und der starken Wahrhaftigkeit, zugleich aber auch von der delikaten Feinfühligkeit, mit der Köhler solche Fragen behandelt, Zeugnis ablegen. Der Verfasser spricht (pag. 330 f.) von Sabbat und seiner

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.