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Liberales Judentum · 1911-09-01 · Heft 9 (September 1911) · p. Seite 212

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Journal
Liberales Judentum
Volume
3 (1911)
Issue
Heft 9 (September 1911)
Date
1911-09-01
Page
Seite 212 (sequence 20)
Language
German
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212 O O o o Grn grundlegendes Merk für das liberale Judentum den.-) Was - die systematische Theologie „Prinzipienlehre" nennt, verweist Köhler in das Gebiet der Religionsphilosophie, indem er aussührt: „Die Theologie hat es immer nur mit einer bestimmten Religion zu tun und setzt bei der Darstellung ihres Lehrgehalts den Glauben an eine göttliche. Offenbarung und eine auch noch in der Auslegung und Fortbildung der Gffenbarungsschriften wirksame höhere Autorität voraus. Nicht so die Religionsphilosophie. Diese hat allerdings denselben Gedankengehall der Religion zum Gegenstand, wie die Theologie, allein sie behandelt, wie jede Philosophie, ihren Gegenstand als Tatsache der Erfahrung von allgemeinen Gesichtspunkten aus und ohne jede Voraussetzung."* 3) Rlit diesen Worten stellt sich Köhler auf den historischen Boden der gegebenen Religion. Aber er will die überlieferten Glaubenswahrheiten im Lichte modernen Denkens und Empfindens erfassen und den herrschenden Religionen gegenüber verteidigen, ohne dabei in den Fehler einer chauvinistischen Apologetik ä tont prix, vor der Lazarus in seiner posthumen Schrift „Erneuerung des Judentums" als vor unserer höchsten Gefahr warnt, zu verfallen. Sein Leitsatz ist: Die jüdische Theologie „darf ebensowenig die sicheren 'Ergebnisse der modernen Sprach- und Geschichts-, Religions- und Bibelforschung ignorieren, wie sie die unbestrittenen Tatsachen der Natursorschung, so sehr sie auch in schneidendem Widerspruch mit der biblischen Weltanschauung stehen, ignorieren kann." Denn „das Judentum ist eine geschichtlich gewordene Religion, die ihren Werdeprozeß nicht vollendet zu haben vorgibt, sondern mit jeder Geschichtswendung erneuert." So wächst Köhlers Theologie zur wissenschaftlichen Theologie des liberalen Judentums empor, deren Fundament weder das Dogma des Glaubens noch das Dogma des Gesetzes, sondern die Offenbarung der Geschichte ist. 2) s. Lazarus Ethik I S. 9. 3j S. 3 f.; ebenso S. 7: „die jüdische Theologie will nicht die vollkommene oder absolute Wahrheit bieten, wie das die christliche Theologie, gleichviel ob sie sich konservativ oder liberal nennt, von sich behauptet .... (sie) will nicht den A b s ch l u ß sondern den Zusammenschluß der jüdischen Glaubenslehren geben." Ungemein charakteristisch für Köhlers theologischen Standpunkt ist von diesem Gesichtspunkt aus seine an verschiedenen Stellen seines Buches deutlich ausgesprochene Parteinahme für Jehuda Halevi und Trescas gegen Rkaimonides. Nicht auf logischer Grundlage, wie Maimonides, sondern auf Offenbarung als geschichtlicher Tatsache will er das Religionsgebäude errichtet sehen. Das darf nun freilich nicht so verstanden werden, wie es nur die seichteste Oberflächlichkeit verstehen könnte, daß der auf dem Boden weitgehender Bibelkritik stehende Autor den uns naiv anmutenden Glauben an die geschichtlich bezeugte Verbalinspiration mit Yehuda Lsalevi teile. Für Köhler ist Gott und Religion eine im geschichtlichen Judentum gegebene und darum als Offenbarung anzusehende Tatsache. Nur mit der historisch gegebenen Offenbarungsreligion, mit ihrer Entstehungsgeschichte, Erklärung und systematischen Ordnung hat es der Autor zu tun. Nicht die Philosophie, nicht die moderne Weltanschauung ist sein 2lusgangsxunkt, sondern das positiv historische Judentum, von dem er nur das ausscheidet oder umdeutet, was seine Geltung durch Wissenschaft oder Leben verloren hat. „Die Vernunft," sagt Köhler, „kann und soll dem Gffenbarungsinhalt stets als Korrektiv dienen, die angeschaute Wahrheit stets von neuem läutern, vertiefen und vergeistigend durchdringen,' Ouelle der Wahrheit kann sie nimmer sein." Darum liegt die Untersuchung der psychologischen und metaphysischen Grundlagen des Glaubens außerhalb des Rahmens seiner Aufgabe. Das schließt aber nicht aus, daß so oft es nötig erscheint, das psychologische oder metaphysische Gebiet gestreift und zur Erklärung herangezogen wird. — Nach einer glänzend geschriebenen geschichtsphilosophischen Einleitung, in welcher in Anlehnung an den Titel des Buches zuerst der Begriff der Theologie, dann der Begriff und das Wesen des Judentums auseinandergesetzt und zum Schluß die geschichtliche Entwicklung der theologischen Fundamentallehren des Judentums aufgezeigt wird, behandelt der Autor in drei großen bfauptteilen: „Gott", „Rkensch" und „Israel und das Gottesreich". Es ist das ein eminent glückliches, nach meinem Dafürhalten einzig

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