Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 3 (1911)
- Issue
- Heft 9 (September 1911)
- Date
- 1911-09-01
- Page
- Seite 211 (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
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211 Gin grundlegendes Merk für das liberale Judentum schichte läßt sich — trotz Hegel — sowenig wie die politische und soziale Geschichte in die spanischen Stiefel abstrakter Gedankensysteme einschnüren. Und strenge Systematik wiederum ist unhistorisch, muß unhistorisch sein, um von der Gedankenhöhe apriorischer Konstruktion die Mannigfaltigkeit religiöser Gedanken und Erscheinungsformen unter leitende Begriffe und Prinzipien einzuordnen. Die systematische Theologie in letzterem Sinne ist ein Rind aus der Mischehe zwischen Thristentum und griechischer Philosophie. In die Systeme griechischer Philosophen wurde das junge Christentum, von Origines zuerst, hineingestellt. Und so ist es geblieben bis in die neueste Zeit hinein. Die Schleiermacher'sche und Ritschl'sche Theologie beruht auf der Voraussetzung, daß sich die Wahrheit des Christentums mit begrifflicher-Notwendigkeit erweisen lasse. Darum beginnt die christliche systematische Dogmatik fast regelmäßig mit einer p r in - zipienlehre, in welcher ein religionsphilosophisches System der natürlichen Religion aufgestellt wird; in dieses für das Christentum zugeschnittene System wird dann im speziellen Teil die christliche Glaubenslehre hineinpaßt. Etwas ähnliches hat auf jüdischem Gebiet vor längerer Zeit S t e i n h e i m und Formstecher, die beide freilich nicht über die Aufstellung von Prinzipien hinausgekommen sind, in neuerer Zeit Weber in seinem System der altsynagogalen palästinensischen Theologie von einseitig christlichem Standpunkt aus versucht, lieber all diese mannigfaltigen Theologie- Systeme ist in der neuesten Zeit die Geschichte unbarmherzig hinweggeschritten. Innerhalb des Christentums hat die r e l i g i o n s - geschichtliche Betrachtungsweise die alte dogmatische Theologie vollständig aus dem Felde geschlagen. Fast alle führenden Geister auf dem Gebiete wissenschaftlicher Theologie kehrten der alten Systematik den Rücken und wandten sich der historischen Darstellung der Theologie zu. Aus diesem Geiste heraus schrieben Harnack, Loofs, Seeberg ihre Lehrbücher der Dogmengeschichte, aus diesem Geiste heraus traten Troeltsch, Bernoulli und viele andere junge Theologen als Vorkämpfer einer neuen geschichtlichen Betrachtungsweise der Religion auf. Denn auch die Theologie kann sich der Historisierung des Denkens, die das charakteristische Merkmal unserer Zeit ist, nicht entziehen, und vergeblich kämpft auf christlicher Seite der Berliner Professor der Dogmatik, Julius Raftan, gegen diese Bewegung an, von der der der Herausgeber der christlichen Welt, Professor Rade in Marburg in seiner Antrittsvorlesung erklärt hat:^ „Die Theologie ist im Bereich der heutigen Wissenschaft mit dem Augenblick entwurzelt, wo sie die Legitimation ihrer Zugehörigkeit zur Geschichtswissenschaft nicht mehr erbringen kann." Auf dem Boden dieser jüngsten Theologenschule, zugleich aber auch auf gutem altem jüdischem Boden steht Rohler in seiner Darstellung der jüdischen Theologie. Denn was im Judentum längst als unbestrittene Tatsache, ja von allen erleuchteten Röpsen geradezu als Charakteristikum der jüdischen Religion angesehen wird, daß nämlich das Judentum eine h i st o rische und keine dogmatische Religion ist, das ringt sich aus den theologischen Rümpfen der Gegenwart allmählich als bleibende Errungenschaft empor, indem auch innerhalb des Christentums die Herzen und Geister sich der bindenden Glaubensfessel und Glaubensformel des starren Dogmas entringen. So steht Rohler, wie gesagt, auf gutem jüdischen Boden, wenn er, seine systematische Theologie auf geschichtlicher Grundlage aufbaut. Sein Werk ist kein philosophisches Gedankensystem, das auf schwindliger Höhe begrifflicher Abstraktion aus logischen Formeln sich auftürmt, es ist auf der anderen Seite aber auch durchaus kein religionsgeschichtliches Lehrbuch, das chronologisch das Werden der jüdischen Religion schildert. Die Systematik des Werkes liegt darin, daß der Verfasser das Mannigfaltige des geschichtlich gegebenen Stoffes organisch gliedert und zu einem geordneten Ganzen harmonisch zusammenfaßt. Was Lazarus von der Darstellung der jüdischen Ethik sagt, das gilt in gleicher Weise von der jüdischen Theologie: Ihre wesentliche Aufgabe besteht darin, den inneren Zusammenhang aller zerstreuten theologischen Gedanken erkennen zu lassen; die große Masse der zerstreuten und vereinzelten Lehren soll durch die subjektive Arbeit des 'systembildenden Denkers zu einer harmonischen Einheit gestaltet wer-