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Liberales Judentum · 1911-09-01 · Heft 9 (September 1911) · p. Seite 210

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Journal
Liberales Judentum
Volume
3 (1911)
Issue
Heft 9 (September 1911)
Date
1911-09-01
Page
Seite 210 (sequence 18)
Language
German
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‘210 Ein grundlegendes Merk für das liberale Judentum lehnung und keine Unordnung duldet. Und | indem solche Wahrheit in seinem Geiste dämmert, fallen von ihm die Ketten der Knechtschaft ab. Denn das echte Wissen, aus der Selbsttätigkeit des Geistes geboren, macht frei. Es erlöst aus der Sklaverei der Vorurteile und heißt uns unser Leben dem wahren Sein gemäß gestalten. Nun ist die Bahn frei für die höchste Erkenntnis, für die Erkenntnis Gottes. Die ewige Ordnung des Seins, die dem ungetrübten Blick sich enthüllt, wird nunmehr klar geschaut als das ewige Wesen Gottes selber. Sub specieaeternitatis unter der Form der Ewigkeit erkennt der Ulensch sich selbst und alles, was da ist, im zeitlosen Wesen. Wer weiß, daß >es nur ein Sein gibt, das alles erfüllende göttliche Wesen, daß alles übrige nur flüchtigen Bildern gleicht, die gaukelnde Phantasie ihm vorspiegelt, der kann vergängliche Güter nicht mehr begehren. Seinen Geist erfüllt nur noch ein Gedanke: Gott. Sein Wille erkennt nur ein Ziel: die Erkenntnis Gottes, die ihm zugleich das wahre Wesen seiner selbst offenbart. Und wenn sein Begehren nur diesem | Ziel gelten kann, dem höchsten, dem einzigen, so ist er erfüllt von der geistigen Liebe zu Gott. Sie, — der amor äei intelleetualis — die mit der Erkenntnis Gott sich deckt, ist das höchste Gut, die Seligkeit. Zn ihr weiß unser Geist sich eins mit Gott, dem Urgrund des Seins, dem einzigen wahrhaft seienden Wesen. Die intellektuelle Liebe zu Gott erschließt den Weg zur Seligkeit, ja sie ist selbst Seligkeit als das in der Erkenntnis gegründete Bewußtsein von der Göttlichkeit unseres eigenen Wesens. Spinoza hat den Gipfel seines Denkens erklommen. Wohin hat ihn seine mathematische Ulethode geführt, die sich vorgenommen, mit Gefühlen und Leidenschaften, so zu operieren, als wären es Linien, Flächen, Körper? Dorthin, wo wir die großen Mystiker finden. Jene wollen das höchste Gut, das Erlebnis der Einheit mit Gott, durch geheimnisvolle Offenbarungen gewinnen, durch wunderbare Visionen, wie sie nur dem Liebling des Schicksals vergönnt sind;. Spinoza durch die Konsequenzen nüchternster Denkarbeit. Die Wege sind verschieden; das Ziel ist eins. VücbeiMau. Ein grundlegendes Werk für das liberale Judentum. Während die b) alacha, das N e l i - gionsgesetz des Judentums, durch Ulaimonides und die ihm folgenden Kodifikatoren bis zum Schulchan Aruch herab, eine geradezu klassisch zu nennende systematische Bearbeitung gefunden hat, fehlte es bis vor kurzem der Glaubens- und Sittenlehre des Judentums, die teilweise in der so umfassenden ksagada ihren Niederschlag gefunden hat, an einer auf der Höhe moderner Wissenschaft stehenden systematischen Bearbeitung. Die systematische Ethik des Judentums hat als sein letztes monumentales Lebenswerk Professor Lazarus uns hinterlassen. Die systematische Glaubenslehre liegt uns jetzt — seit einem Zahre — in dem hochbedeutsamen Werke: Grundriß einer s y st e m a t i s ch e n Theologie des Judentums auf geschichtlicher Grundlage von Dr. Köhler vor?) Nicht ohne stark betonte Absicht hat der Verfasser sein Werk systematische Theologie auf geschichtlicher Grundlage genannt. Systematik und Geschichte — scheint sich das nicht zu widersprechen? Geschichte ist unsystematisch. Das Geistesleben der Gei) Grundriß einer systematischen Theologie des Judentums auf geschichtlicher Grundlage von Dr. K. Köhler, Rektor des Hebrew Union College in Cincinnati. ■— Leipzig 1910. Gustav Fock (4. Band des Grundrisses der Gesamtwissenschaft des Judentums, herausgegeben von der Gesellschaft zur Förderung des Judentums). 8°. VIII und 383 Seiten.

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