Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 3 (1911)
- Issue
- Heft 9 (September 1911)
- Date
- 1911-09-01
- Page
- Seite 209 (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
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209 Mar Wiener: Zur Geschichte der religiösen Aufklärung kommen; wie unendlich verschieden auch die Wege sein mögen, auf denen, jede ihre Bekenner zum Heil führen will, schließlich winkt die Erlösung. wenden wir uns nun wieder zum historischen Teil unserer Aufgabe. Hat die Lehre Spinozas jene Tendenz, die uns als die Eigentümlichkeit der religiösen Weltansicht erschienen ist? Die erste Betrachtung scheint dem zu widersprechen, wenn wir in seinen Gedankenkreis eintreten, schlägt uns die kalte Luft der bloßen Theorie entgegen. Spinoza tut sich viel darauf zugute, .daß sein Weltsystem den Gedanken des Zweckes mit aller Strenge ausschließt; er stellt die wertfreie Betrachtung der Wirklichkeit und zwar der ganzen Wirklichkeit — der Monde und Planeten nicht minder als der Handlungen der Menschen — als die allein haltbare Auffassung hin. Nichts darf nach ihm in Rücksicht auf ein zu verwirklichendes Ziel angeschaut werden; sondern alle Dinge und Ereignisse gelten allein als hervorgebracht durch mechanisch wirkende Ursachen. Rann man demnach noch in irgend welchem Sinne von einer Selbständigkeit der menschlichen Persönlichkeit sprechen, die doch in aller Moral und Religion vorausgesetzt werden muß? Der Pantheismus Spinozas vernichtet alles Einzelne, Besondere. Wahrhaftes Sein kommt nur dem einen unendlichen Wesen zu: Gott. Alles begrenzte bestimmte Dasein geht in ihm auf; ja es erscheint nur der verworrener Anschauung als ein Selbständiges, dem Urwesen mit Eigenmacht Gegenüberstehendes. Dieses Schicksal verschont auch das menschliche Sein nicht. Der Mensch ist völlig in das göttliche Wesen eingegangen; aber er hat diese Erhöhung mit einem allzu hohen Preise bezahlt: mit dem Aufgeben seines eigenen selbständigen Daseins und Wesens. Der Mensch, der dem getrübten Blick als ein individuelles aus Rärper und Geist gebildetes Ganze dünkt, ist in Wahrheit etwas anderes: ein Moment in Gott. Uns geht vor allem das Geschick des menschlichen Geistes an. Versinkt er rettungslos im umfassender! Bewußtsein Gottes, dann steht alles Selbstbewußtsein und. damit auch — alles Philosophieren und Gottsuchen auf dem Spiele. Doch der Denker weiß diese Gefahr zu beschwören: der menschliche Geist besitzt eine Idee seiner selbst, er ist seiner bewußt. Damit ist er nicht etwa Zem allbeherrschenden Weltgesetz der unbedingten Determination entronnen; vielmehr steht geistiges Leben wie alles Dasein überhaupt unter diesem. Und doch ist viel gewonnen: die Pforte Mr derjenigen Freiheit, die dem Menschen überhaupt zugänglich ist. Zudem der menschliche Geist sich selber erkennt, erschaut er zugleich den Zusammenhang, der alle Wirklichkeit umschlingt, die Verkettung, in der er selbst verfangen ist. Er gewinnt Rlarheit über sein eigenes Wesen und Schicksal. Zn dieser Rlarheit aber, die ihm über sein wahres Verhältnis die Augen öffnet, wurzelt die Selbsttätigfeines Geistes. Hier fließt zugleich die Quelle der echten Tugend. Sie ist die Rraft, den Gesetzen der eigenen Natur entsprechend zu handeln. Meine Natur besteht im vernünftigen Denken. Also handle ich tugendhaft, wenn ich mich allein durch die Vernunft leiten lasse, was aber offenbart mir diese Vernunft auf ihrer vollkommensten höchsten Stufe? Eben die Einheit, den Zusammenhang alles Seins, zu dem ich wie alle sonstige Wirklichkeit gehöre. So stehen wir, sobald wir den Gipfel des logischen Denkens erstiegen haben, hart an der Pforte der Mystik. Doch Spinoza kennt noch eine Vorhalle für die höchste Stufe, den Zustand des wahren Glaubens: hier erkennt der Mensch 'sich selbst als ein Glied in der strengen Rausalgesetzlichkeit der Dinge. Zur Gewißheit wird ihm da die ewige Ordnung des Seins, die alles umfaßt, die keine Auf-