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Liberales Judentum · 1911-09-01 · Heft 9 (September 1911) · p. Seite 208

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Journal
Liberales Judentum
Volume
3 (1911)
Issue
Heft 9 (September 1911)
Date
1911-09-01
Page
Seite 208 (sequence 16)
Language
German
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208 MaL Wiener: Zur Geschichte der religiösen Aufklärung der Gegensatz unüberbrückbar, vielmehr ist es die Einheit der religiösen Grundgefühle, die Gemeinschaft der Stimmung. Aus einer Wurzel sproßt der Enthusiasmus dieses Denkers wie der Affekt, der alle Religion durchglüht. And an einem Ziel, in der Ferne erschaut, erwärmt sich das Lebensgefühl des Philosophen gleich der leidenschaftlichen Sehnsucht des frommen Gläubigen: an der so heiß begehrten Verbindung mit Gott. Spinozas Denken, das scheinbar so kühl und doch von tiefster Leidenschaft getragen ist, dünkt uns in hervorragendem Maße geeignet, das Wesen religiöser Urkraft zu illustrieren, wie sie aus dem Grunde des menschlichen Bewußtseins emporquillt, noch ungehemmt und ungebrochen durch die Bedingtheit alles Historischen und Zufälligen. Man heißt die Religion oft einen Glauben. Wenn das weiter nichts bedeuten soll, wie das blinde kritiklose vertrauen, daß gewisse schwer beweisbare Meinungen über historische oder metaphysische Dinge wahr seien und als Tatsachen hingenommen werden müssen, so tut man solchem Glauben kein Unrecht, wenn man ihn einen Aberglauben nennt. Aber bitter Unrecht täte man auch dem fanatischsten, „rechtgläubigsten" Bekenner irgend einer Religion, wenn man den Verdacht hegte, sein Glaube enthielte nur dieses, und nicht unsagbar viel tieferes, edleres. Das aber ist die Zuversicht, daß es unfehlbare Mittel und Wege gebe zu glückhaftem Sein, zur Seligkeit, und daß er, der Gläubige, unter allen Umständen dieses heiles teilhaftig werden könne. Ueberall, wo in einem Gemüts Religion zu einer lebendigen Macht wird, da offenbart sie sich in jener Heiterkeit der Seele, welche die Heilsgewißheit gebietet, die Zuversicht, daß die Wirklichkeit auf eine letztlich 'befriedigende, beseligende Lebensg^- staltung angelegt, daß das Sein gleichsam auf den höchsten Wert abgetönt sei. Das ist ein subjektives nach 'innen gerichtetes Gefühl, von ganz eigenartiger Färbung. Dieses Gefühl setzt eine bestimmte Anschauung von der Wirklichkeit voraus: die Ueberzeugung, daß im Ganzen der Wirklichkeit die denkbar höchsten Güter sich manifestieren und daß jch, der Gläubige, schließlich zu einem mich gänzlich beruhigenden und befriedigenden Verhältnis zu dieser höchst wertvollen Wirklichkeit muß gelangen können. So erscheint die Weltansicht der Religion, auf eine allgemeine Formel gebracht, die völlig von der konkreten Znhaltsfülle jeder „positiven" Religion absieht, als der Glaube an die Realität des höchsten Gutes, an das Wirklich sein oder Wirklichwerden höchster Daseinswerte. Erläutern wir diese These an einem Beispiel, an der bekannten Forderung des Propheten Micha: Gott verlangt nichts als Recht, Liebe und Demut. Das sieht beinahe so aus, als ob die Forderungen der Religion sich auf diejenigen der Moral beschränkten, ja daß Religion und Moral sich völlig deckten. Aber es scheint doch nur so. Denn der Prophet beginnt mit der Frage: Was verlangt Gott von dir? Das besagt aber zugleich den Glauben an die Welt, als an die Schöpfung des heiligen, den Schauplatz des Menschenlebens, bestimmt die höchsten Werte, nämlich die sittlichen Pflichten zur Entfaltung und Erfüllung zu bringen. Wenn die Prophetie den Gedanken des messianischen Reiches ausspricht, als Ausdruck der Gewißheit, daß die gesamte Menschheit dereinst einen Friedensbund in Eintracht und Liebe bilden soll, so besagt das doch nicht bloß die Weisung, daß jeder .einzelne nach Kräften an diesem Werke Mitarbeiten soll, sondern vor allem die Ueberzeugung, die Zuversicht des Glaubens, daß dieses Ziel dereinst erreicht sein wird, das heißt aber den Glauben an das Gute, das die Weltgeschichte offenbaren muß. Allen Schwierigkeiten zum Trotz ist das endliche Heil gewiß. Zn diesem Bekenntnis scheint alle Religion übereinzu-

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