Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 3 (1911)
- Issue
- Heft 9 (September 1911)
- Date
- 1911-09-01
- Page
- Seite 207 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3126481-3126513-3126522--0931-3127752- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Mas Wiener: Zur Geschichte der religiösen Aufklärung 207 was heute von vielen kurzsichtigen Stillstandsmännern als Nachahmung fremder Gebräuche verschrien wird, deutsche Gebete 2c., seitens der nächsten Generationen, die den früheren Widerspruch nicht mehr kennen, als vollkommen jüdisch anerkannt werden. Der Begriff der Entwicklung bietet uns den Schlüssel für die Wertung alles geschichtlichen Lebens und befähigt uns, die Vergangenheit so aufzurollen, daß wir die Fortentwicklung ihrer Kräfte und Elemente in der, wie auch immer geänderten Gegenwart erkennen. Unter der Oberfläche des Buchstabens und der Form sehen wirdieselben Gesetze der Entwicklung im mosaischen und rabbinischen Judentum wirksanl, die in der Gegenwart im Auf- und Ausbau des Judentums wirksam sind. Rlit dem Unterschied jedoch, daß auf den früheren Stufen die schöpferische Arbeit in der Sprache der Religion als Offenbarung und Inspiration bezeichnet wird, indem Gott sich durch auserwählte Werkzeuge und Autoritäten kundgibt, während in unserm Zeitalter der religiöse Fortschritt den Eingebungen unseres klarerkannten religiösen Bewußtseins und Bedürfnisses gemäß erfolgt. Zur Gefchichte der religiösen Aufklärung. Von ITlax Wiener-Dülieldorf. III. Das Wesen der Religion und der Pantheismus Spinozas. Das Fundament der Gedankenwelt Spinozas bildet der Gottesbegriff. Wer aber, mit den Anschauungen irgend einer positiven Religion erfüllt, in den Kreis jener Vorstellungen eintritt, macht alsbald die Wahrnehmung, daß dieser Zentralbegriff hier etwas ganz anderes bedeutet, wie in ber ihm wohlvertrauten religiösen Sphäre, daß Spinozas Gott mit dem der Religion kaum mehr als den Namen gemein hat. Dort das nach Analogie einer menschlichen Persönlichkeit gedachte Wesen, die transzendente Ursache der Welt, von der sie streng geschieden bleibt, hier das im tiefsten Sinn unendliche allumfassende Wesen, das alles Seiende enthält indem es alle denkbare Wirklichkeit m sich trägt; der Einzige, dem allein Realität und Wahrheit zukommt, der alles gesonderte Sein aufhebt, weil er allein nur ist, der Eine in Allein. Gat dieser von Spinoza verkündete Pantheismus mit der Weltanschauung der theistischen Religion überhaupt noch wesentliche Merkmale gemein? Darf man ihn eine religiöse Betrachtung der Wirklichkeit heißen, ohne sich den Vorwurf der Willkür und oberflächlichen Begriffsverwirrung auszusetzen? Ulan weiß, was diese Lehre den erlesensten Geistern deutscher Kultur gewesen ist: Lessing Herder, Goethe, Schleiermacher. Sie stillte ihnen jene Sehnsucht, die den Altvordern der religiös-kirchliche Glauben befriedigte; gab ihnen das wieder, was sie in der Frömmigkeit nach der Weise der Früheren nicht mehr finden konnten. Ulan kennt auch die intimen Beziehungen, die den Spinozismus mit dem heutigen Rkonismus in seinen mannigfachen Färbungen verbinden; mit dem Rlonismus, der ja, wofern er hie herkömmliche Religion überwinden und ersetzen will, ihre Funktionen und Aufgaben zum guten Teil übernehmen und erfüllen muß. So ist es von vornherein wahrscheinlich, daß höchst bedeutsame Berührungspunkte zwischen der Lehre Spinozas und der Ideenwelt der theiftischen Religion obwalten. Aber ebenso sicher ist es, daß diese Verwandtschaft nicht das theoretische Weltbild betreffen kann, Hier klafft