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Liberales Judentum · 1911-09-01 · Heft 9 (September 1911) · p. Seite 206

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Journal
Liberales Judentum
Volume
3 (1911)
Issue
Heft 9 (September 1911)
Date
1911-09-01
Page
Seite 206 (sequence 14)
Language
German
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206 Ar. Aeligkorvrh: Lebensfragen der jüdischen Religion Tagen imnier die geeignete Selbstgestaltung zu schassen vermocht; es wird ein neues Zeugnis von dieser ihm innewohnenden Kraft ablegen, wenn es nicht nur sür die neue Zeit auch eine neue Gestaltung annimmt, sondern auch imstande ist, sür die große Verschiedenartigkeit der Zustände und Verhältnisse in dieser Zeit überall auch die entsprechenden Formen des religiösen Lebens zu schassen. * * * Wenn hiernach die Erfassung des Judentums als einer geschichtlichen Erscheinung das Selbstbestimmungsrecht des Einzelnen über jede bindende Autorität erhebt, so gibt es doch ein Gebiet der religiösen Gemeinschaft, aus dem dieses Recht des Einzelnen unmöglich zur vollen Geltung gelangen kann. Das ist das Gebiet des öffentlichen und gemeinsamen Gottesdien st es und aller sonstigen Institutionen, die zur gemeinsamen Befriedigung des religiösen Bedürfnisses dienen. Institutionen zur gemeinsamen pflege und Uebung^ der Religion müssen ebenso der Ausdruck der gemeinsamen Ueberzeugung sein und den Forderungen des gemeinsamen Bedürfnisses entsprechen, wie die Lebenseinrichtungen des Einzelnen seinen besonderen Ueberzeugungen und Bedürfnissen gemäß sind. Die Gesamtheit aber, welche eine solche Gemeinschaft der religiösen Institutionen fordert,'ist im Judentum keine andere, als die Gemeinde. Die Autonomie der Gemeinde ist längst anerkannter Grundsatz des Judentums und ein Hort der -religiösen Freiheit innerhalb desselben, wie das private, religiöse Leben Sache jedes einzelnen Juden ist, so hängt das öffentliche, der Kultus, von der Gemeinde ab. Was die Gemeinde dafür schafft, ist Kultus; ein Einzelner, heiße er Rabbiner oder Vorsteher, hat nichts zu normieren. Darmn kann die Gemeinde den Kultus so umgestalten, wie es ihrem religiösen Bedürfnis entspricht. Und so war es zu allen Zeiten. Sowohl der Mosaismus, wie der Talmud haben neue Formen religiöser Praxis geschaffen oder vielfach von der Umgebung entlehnt und dem jüdischen Religionsleben angexaßt; und diese Tatsache gibt uns die Berechtigung, dasselbe auch für das Judentum der Gegenwart zu tun, um seine Kräfte neu 511 beleben. Natürlich steht gegen Neuerungen und Reformen die ehrfurchtgebietende Autorität der Vergangenheit im Kampf und es bedarf einer fortgesetzten Periode stillschweigender Eroberung immer größerer Massen, um das Neue im Bewußtsein der Gesamtheit als integrierende Teile des ganzen Religionssystems erscheinen zu lassen. — Dhne Zweifel galt der salomonische Tempel mit seinem priesterlichen Gepränge sowohl dem Propheten Elias, wie auch Hosea (nach \2, \0 zu urteilen) als Nachahmung phönizischen Gottesdienstes, als Assimilation, während im Priesterkodex dieser priesterliche Mpferdienst als von Gott vorgeschrieben, dargestellt ist. Die dem Thristentum entlehnte Seelengedächtnisfeier mutet uns gar nicht als fremdreligiös mehr an; die Bauart der jüdischen Gotteshäuser, zumeist die Nachahmung einer Moschee, oder des gothischen Domes, läßt in uns durchaus nicht mehr das Gefühl des Fremdreligiösen aufkommen. Die Mädchenkonfirmation, ebenso wie die Knaben-Konfirmation, in gewissem Sinne die Nachahmung eines fremdreligiösen Gebrauches, erscheinen heute den Gemeinden, die sie aus religiösen Motiven eingeführt haben, durchaus nicht fremdreligiös und hören durch die Einführung und Einlebung auf, fremdreligiöser Gebrauch zu sein. Der Talar der Prediger, der zusammengelegte Betmantel sind schon ganz jüdisch geworden, trotzdem sie nur Nachahmungen fremdreligiöser Gebräuche sind. Ganz so wird vieles von dem,

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